Warum das Streichen der Staatschulden (nicht) funktioniert

21.04.2021

Rui Soares, Investment Professional bei der FAM Frankfurt Asset Management AG in Frankfurt am Main / Foto: © FAM

An den Ankauf von Staatsschulden durch die Notenbanken hat sich die Investorengemeinde inzwischen weitestgehend gewöhnt. Gerade Politiker, aber auch einige Wirtschaftswissenschaftler und sogar Investoren gehen nun noch einen Schritt weiter und fordern von der EZB, einen Teil der von ihr gehaltenen Staatsanleihen kurzerhand einzustampfen und die Schulden dadurch deutlich abzusenken.

Einige wenige Experten sprachen bereits vor der großen Finanzkrise 2008/2009 von der „vollständigen Monetarisierung der Staatsschulden“ und waren damit ihrer Zeit deutlich voraus. Was früher undenkbar war, wird heute als „Quantitative Easing“ (QE) bezeichnet. Etwas umgangssprachlicher ausgedrückt und dabei gut auf den Punkt gebracht: Die Zentralbanken drucken Geld und betreiben damit eine Staatsfinanzierung durch die Notenbankpresse. Der aktuell immer häufiger zu hörende Vorschlag, die massive Staatsschuldenlast zu senken, indem etwa die Europäische Zentralbank einen (Groß)Teil der von ihr erworbenen Anleihen einfach wegstreicht, wirkt auf den ersten Blick genial einfach, bei genauerer Betrachtung dann aber doch überaus tollkühn.

Steigende Zahl von Anhängern

Im Zuge der aktuell sehr aufgeblähten Haushaltsdefizite und der ausufernden Staatsschulden gewinnt das Thema Schuldenerlass mehr und mehr an medialer Beachtung. Auf den ersten Blick ist die Argumentation für einen Staatsschuldenerlass auch durchaus nachvollziehbar. Ein derartiger großer Schuldenschnitt würde keinem wehtun, da lediglich die Notenbanken enteignet würden, die anschließend weniger Eigenkapital in ihren Bilanzen stehen hätten. Private Investoren würden nicht geschädigt werden. Gleichzeitig würde dieser Schritt eine Normalisierung der Geldpolitik ermöglichen. Mit niedrigeren Staatsschulden könnten die Zentralbanken ihre QE-Programme – also den Kauf von Staatsanleihen im Sekundärmarkt – beenden und die Zinsen wieder erhöhen, ohne dass dadurch ein Kollaps des Finanzsystems ausgelöst würde. Die (Finanz)Welt wäre wieder zurück in der Zeit vor der Finanzkrise 2008/2009. Die wachsende soziale Ungleichheit der letzten zehn Jahre, die auch durch die Vermögenspreisinflation, ausgelöst vom niedrigen Zinsumfeld, verursacht worden ist, könnte damit unter Kontrolle gebracht werden. Die Argumentation klingt zunächst schlüssig. Der Schuldenerlass scheint machbar und vielleicht sogar vernünftig.

Die privaten Schulden auch wegstreichen?

Auf den zweiten Blick stellt sich die Lage allerdings etwas komplexer dar. Neben den Staatschulden sind auch die privaten Kredite zu beachten, das heißt das Fremdkapital der Unternehmen und die Schulden der Haushalte. Und auch diese haben seit der Finanzkrise 2008/2009 erheblich zugenommen und befinden sich aktuell ebenfalls auf einem Rekordstand. Die Verteilung zwischen Staats- und Privatschulden ist jedoch von Land zu Land unterschiedlich:

Ein gutes Beispiel für den zweiten Fall ist die Schweiz, die üblicherweise als Musterschüler in Sachen Schuldenmanagement präsentiert wird. So sind die schweizerischen Staatsschulden im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) dann in der Tat auch sehr gering. Insgesamt fällt die Verschuldung der Eidgenossen jedoch höher als die der Italiener aus – einem Volk, das in seiner Gesamtheit üblicherweise als „Schuldensünder“ bezeichnet wird. Dabei resultiert die hohe Verschuldung der privaten Haushalte in der Schweiz typischerweise aus Hausfinanzierungen. Aus diesem Grund könnten schweizerische Hypotheken im Falle eines Zinsanstiegs auch zu einer enormen Belastung werden und einen Crash am Wohnimmobilienmarkt auslösen.

Und genau hier liegt das Problem eines Staatschuldenerlasses: Es würde Italien ermöglichen, mit höheren Zinsen zu leben, jedoch nicht der Schweiz oder anderen Ländern mit sehr hohen Schuldenständen im privaten Sektor.

Warum ein Schuldenerlass in der Praxis wohl nur schwer durchführbar ist, lesen Sie auf Seite 2