Es gibt immer zwei Möglichkeiten

05.01.2022

Rolf Ehlhardt, Vermögensverwalter, I.C.M. Independent Capital Management Vermögensberatung Mannheim GmbH / Foto: © I.C.M.

Die Notenbankpolitik ist derzeit das meist diskutierte Thema an den Börsen. Aufgrund der stark steigenden Inflationszahlen, verkünden die Notenbänker, dass sie die Anleihekäufe einschränken und die Zinsen erhöhen wollen. Sie versuchen quasi den ausgelaufenen Senf wieder in die Tube zu drücken. Nun fragen sich die Börsianer zunächst, tun sie es oder tun sie es nicht. Und wenn ja, gelingt es ihnen oder scheitert der Versuch. Denn die Reaktionen der Börsen werden unterschiedlich ausfallen.

Die Notenbanken sind in der Zwickmühle. Oder wie Karl Valentin es ausgedrückt hätte: Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut. Es ist auch für den Anleger schwierig, sich zu entscheiden, welches Szenario er sich wünschen soll. Man hat mitunter den Eindruck, man muss sich zwischen Cholera und Pest entscheiden. Dabei sind wir doch schon mitten in einer Pandemie.

Wie die Notenbanken das neue Jahr beginnen

Vom zeitlichen Ablauf wird die amerikanische FED früher mit der Reduzierung der Anleihekäufe beginnen als die europäische EZB. Aber in beiden Fällen könnten die Auswirkungen anfangs „neutral“ sein, wenn sich die Neuaufnahme der Staatsschulden 2022 gegenüber 2021 ebenfalls reduziert (weniger Refinanzierungsbedarf). Also mehr Schulden: ja, aber weniger als letztes Jahr. Daher hätte dies zunächst keine Auswirkungen auf die Börsen, aber trotzdem wird der Schuldenberg höher. Die Wachstumsrate der Gesamtschulden lag seit der Finanzkrise 2008 jedes Jahr deutlich über der des Wirtschaftswachstums. Zinserhöhungen werden daher wesentlich mehr Einfluss auf die Wirtschaft nehmen. Aktien könnten sich in diesem Umfeld stabil bis leicht steigend entwickeln. Die Edelmetalle leicht bis etwas stärker steigend.

Schwächt sich die Wirtschaftslage in 2022 aber ab und die Währungshüter verzichten auf die Maßnahmen, stoppen diese gleich wieder oder nehmen getätigte sogar zurück, dürften die Aktien, je nach Stärke der Wirtschaftsabschwächung, mit fallenden bis stärker fallenden Kurse reagieren. Die Edelmetallkurse sollten sich stärker bis stark positiv entwickeln. Zwar ist einerseits davon auszugehen, dass die schwächere Wirtschaft die Inflation etwas bremst, aber diese auch nicht „bekämpft“ werden kann. Die logische Folgerung wäre, dass die Rate zwar etwas zurückgeht, aber dafür nicht nur „vorübergehend“ weit über 2 % liegt, sondern uns weitere Zeit in darüber liegender Höhe (evtl. deutlich) belasten wird. Immer mehr Notenbänker streichen in ihren Prognosen jetzt „vorübergehend“.

Entscheidende Faktoren

Neben der Wirtschaftsstärke ist die Inflationsentwicklung von maßgeblicher Bedeutung für die Notenbankpolitik. Zunächst dürften die einmal eingeführten, höheren Verkaufspreise bei Waren und Dienstleistungen in den meisten Fällen nicht zurückgenommen werden. Minister Özdemir will Billig-Lebensmittel abschaffen. Die Gehälter sollen deutlich erhöht werden. Zudem wird jedes weitere Wachstum (auch schwächeres) die heute bestehenden Engpässe nicht auflösen lassen und in einigen Fällen (zum Beispiel Rohstoffe) den Preisdruck sogar erhöhen. Beste Voraussetzung für eine „Stagflation“, bei der die Aktienkurse meist nachgeben und die Edelmetallpreise stark ansteigen.

Für die Aktienmärkte wird es „gefährlich“, wenn zwei oder mehrere Risiken eintreten. Wenn zum Beispiel die Inflationsrate weiter über 4 % bleibt, die Wirtschaft sich trotz sogar entgegengesetzter Maßnahmen der Notenbanken (Erhöhung der Anleihekäufe und Zinssenkungen) stark abschwächt und in der Folge die Kapitalmarktzinsen steigen, weil die Anleger die Risiken erkennen.

Die fünf Phasen einer Börsenblase

Relativ einig sind sich die Börsenteilnehmer über die fünf Phasen einer Börsenblase. Die 1. Phase beginnt am Ende einer Abwärtsbewegung, wenn erste Anleger antizyklisch kaufen, weil sie überzeugt sind, dass die in der Krise vollzogenen Maßnahmen in naher Zukunft Wirkung zeigen werden. Und wirklich steigen dann in Phase 2 die Kurse peu à peu an, unterstützt von einer sich stabilisierenden Wirtschaft. Es gibt erste spekulative Käufe und Anlegergruppen, die Angst haben, den Zug zu verpassen.

Die euphorische Phase 3 ist sicher die „schönste“. Käufer werden durch steigende Kurse angelockt. Sie bedienen sich jetzt der Argumente (Aktien sind alternativlos), die sie früher verurteilt hatten. Für Gesellschaften mit geringem Umsatz und noch ohne jeden Gewinn werden Traumkurse bezahlt, so dass deren Wert in Milliardenhöhe getrieben wird, und sie dann oft wertvoller sein sollen als Standardwerte. Warnungen werden gehört, aber nicht ernst genommen.

Wie es in Phase vier und fünf weitergeht, lesen Sie auf Seite 2.