Quo Vadis, EZB?

Peter E. Huber / Foto: © StarCapital AG

Nach dem Kollaps von Lehman Brothers im Herbst 2008 stand das globale Finanzsystem vor dem Zusammenbruch. Es wurde von den Notenbanken gerettet. In einer koordinierten Aktion haben sie den Banken unbegrenzt Liquidität zur Verfügung gestellt und damit den Regierungen Zeit für dringend notwendige Reformen erkauft. Doch diese Zeit wurde nicht genutzt. Im Gegenteil haben die traditionellen Industriestaaten sich seit der Krise weiter in einem gigantischen Ausmaß neu verschuldet. 2017 wird die Verschuldung in der Euro-Zone über 10 Billionen Euro erreichen, nach circa 6 Billionen Euro vor der Krise – ein Anstieg von über 60 Prozent.

Doch anstatt diesem Missbrauch über höhere Zinsen einen Riegel vorzuschieben, haben die Zentralbanken diese Entwicklung noch unterstützt. Über QE-Programme und heiß laufende Notenpressen wurden die Zinsen nach unten gedrückt. Über den Ankauf von Anleihen in vierstelliger Milliardenhöhe stieg man direkt oder indirekt in die Staatsfinanzierung ein, auch wenn dies öffentlich natürlich immer dementiert wurde. Jeder Anreiz für die Durchführung von Reformen blieb zwangsläufig auf der Strecke.

Die Notenbanken wollten damit die Konjunktur ankurbeln. Die Verbraucher sollten dank der niedrigen Zinsen mehr konsumieren, die Unternehmen mehr investieren und die Inflationsrate sollte auf zwei Prozent steigen, um den Staaten die schrittweise Entwertung ihrer Schulden zu ermöglichen. Dafür nahm man sogar die Einführung von Negativzinsen in Kauf, ein beispielloses Experiment in der Finanzgeschichte. Doch keines dieser Ziele wurde erreicht. Die Konsumenten müssen mehr sparen, um ihre Altersvorsorge zu gewährleisten, die Unternehmen – insbesondere in den USA – nehmen zwar zinsgünstige Kredite auf, aber nicht um zu investieren, sondern um eigene Aktien zurückzukaufen und so wertvolles Eigenkapital zu vernichten. Und die wirtschaftliche Entwicklung ist geprägt durch „null Zinsen, null Inflation und null Wachstum“, wie wir schon vor Jahren prognostiziert haben.

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