„Ein Topmanager sollte ehrgeizig, leidenschaftlich und nicht der Schlauste im Raum sein“

04.07.2022

Micha S. Siebenhandl, CEO von pro optik / Foto: © pro optik

Micha S. Siebenhandl ist ein prominenter Manager – in der Optikbranche gibt es niemanden, der ihn nicht kennt. Sein erster Arbeitstag bei pro optik war der Tag vor dem Lockdown im Jahr 2020 – ein holpriger Anfang. Trotz dieser Rahmenbedingungen konnte Siebenhandl das Unternehmen in den letzten zwei Jahren sicher durch die Krise steuern, den Umsatz im letzten Geschäftsjahr um 11 % steigern und die Anzahl der Fachgeschäfte in der Corona-Zeit um rund ein Drittel ausbauen. pro optik gehört zu PARAGON PARTNERS, einer inhabergeführten Beteiligungsgesellschaft, die 1,2 Mrd. Euro Eigenkapital verwaltet. Zu den Investoren gehören institutionelle Anleger wie Lebensversicherungen, Pensionskassen und Universitätsstiftungen sowie das eigene Team. Im Interview verrät uns Micha S. Siebenhandl seine Geheimnisse über gutes Management und welche Eigenschaften ein Topmanager benötigt, um erfolgreich zu sein.

finanzwelt: Sie haben 2020, am Tag des Lockdowns, den Chefposten bei pro optik übernommen, das als etwas verstaubt galt. Was waren Ihre wichtigsten Aufgaben? Micha S. Siebenhandl: Ich habe damals sofort zwei Dinge getan: 1. Eine klare, schonungslose Analyse des gesamten Unternehmens vorgenommen. 2. Eine große Aktion gestartet, bei der wir Brillen an die Helden der Corona-Krise wie Krankenschwestern verschenkt haben – ein riesengroßer Medienerfolg, der für Schlangen vor den Läden gesorgt hat und mit dem alle unsere Fachhändler und Franchisepartner gesehen haben: Wow, hier ändert sich einiges.

finanzwelt: Wie ging es dann weiter? Siebenhandl: Tatsächlich fing der Change-Prozess damit erst an. Wir haben in den letzten zwei Jahren das gesamte Unternehmen von Grund auf verändert. Die Führungsstruktur wurde umgebaut, ein neues Warenwirtschaftssystem eingeführt, das gesamte Sortiment verändert und neue Marken aufgenommen sowie eigene entwickelt. Wir haben mit unserem pro optik campus die gesamte eigene Ausbildung neu strukturiert, ein neues Corporate Design eingeführt, den Auftritt am POS neu aufgesetzt und eine neue Website entwickelt. Außerdem haben wir eine eigene App entwickelt und das Marketing intern aufgebaut. Ein echtes Mammutprogramm. Aber heute sind wir besser aufgestellt als je zuvor. Daran lässt sich eine meiner Kerneigenschaften ablesen: Ich habe keine Angst vor Veränderungen, und auch keine Konfliktscheu. Denn nicht jeder dieser Prozesse lief ohne Reibung ab.

finanzwelt: pro optik gehört zu Paragon Partners, einer inhabergeführten Beteiligungsgesellschaft. Welche Eigenschaften muss ein Manager mitbringen, damit die Zusammenarbeit mit einem großen Investor funktioniert? Siebenhandl: Ich glaube, man muss kompromissbereit und besonders transparent sein. Denn naturgemäß sind die Interessen von Investor und Firmenleitung nicht immer 100%ig auf einer Linie. Deshalb ist es besonders wichtig, immer die Gründe für die eigenen Entscheidungen sauber darzulegen. Ich habe bereits mit vielen verschiedenen Private Equity Gesellschaften und auch für private Firmeneigentümer und Familienunternehmen gearbeitet. Aber eine solche Zusammenarbeit wie mit PARAGON habe ich noch nie erlebt: Ein ganz neues Level an Transparenz, Ehrlichkeit und Professionalität. Die Gesellschaft steht den CEOs seiner Beteiligungen wirklich wertschätzend und vertrauensvoll zur Seite. Probleme werden angesprochen, Erfolge gemeinsam gefeiert. Ich war zum Beispiel immer ein Manager, der auf seine Instinkte, sein Marktgespür und sein Bauchgefühl hört – das ist natürlich für eine Beteiligungsgesellschaft manchmal nicht so gut nachzuvollziehen. Aber mir wurde Vertrauen entgegengebracht und der Freiraum gegeben, um mich zu entfalten und das Unternehmen weiterzuentwickeln.

finanzwelt: Finanzinvestoren unterscheiden sich in ihrer Denkweise von der Firmenleitung, wie macht sich das bemerkbar? Siebenhandl: Ein zentraler Unterschied ist, dass Beteiligungsgesellschaften immer mehrere Firmenbeteiligungen besitzen und damit automatisch nüchterner und faktenbasierter denken, weil sie nicht so tief in den ganzen operativen Zwängen der Geschäftsleitung stecken. Das liegt in der Natur der Sache. Deshalb muss ein moderner CEO auch immer ein guter Moderator sein, der die Interessen aller Stakeholder in Balance hält – vom Azubi bis hin zur Eigentümergesellschaft. Mir hilft dabei, dass ich gerne und viel mit Menschen kommuniziere. Und natürlich, dass unseren Gesellschaftern der Manager als Mensch wichtig ist, nicht nur die Zahl, die er hinter dem Komma erwirtschaftet.

„Ein Topmanager muss in erster Linie für seinen Job brennen.“

finanzwelt: Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Manager noch aus? Siebenhandl: Ich persönlich bin sehr ehrgeizig und möchte immer vorankommen. Aber dann bin ich auch wirklich ehrlich und trage mein Herz auf der Zunge: Von mir werden Sie immer erfahren, wie ich mich gerade fühle oder wie ich Ihre Arbeitsleistung wahrnehme. Darüber hinaus halte ich mich für recht empathisch und spüre sehr schnell, was Menschen in meiner Gegenwart fühlen oder benötigen. Diese Fähigkeit hilft einem in seiner Führungsrolle. Zusätzlich sollte man versuchen, allen Mitarbeitern immer vertrauensfördernd und wertschätzend entgegenzutreten. Ansonsten ist auch eine gewisse Penetranz von Vorteil. Viele gute Manager geben erst auf, wenn das gewünschte Ergebnis erreicht wurde. So haben wir es bei pro optik geschafft, die Brillenglasmarke pro glas by Rodenstock einzuführen – das erste Co-Branding weltweit in der Optikbranche.

finanzwelt: Also muss ein Topmanager in erster Linie ehrgeizig und ehrlich sein? Siebenhandl: Ein Topmanager muss in erster Linie für seinen Job brennen. Mit 9-to-5-Mentalität und nüchterner Zahlenbetrachtung wird niemand in einem großen Konzern und auch bei keinem Mittelständler erfolgreich. Man muss die Mitarbeiter begeistern. Das erfordert Transparenz und Disziplin in der Kommunikation. Wir bei pro optik haben sehr viele interne Kommunikationsformate für unsere 1.800 Mitarbeiter geschaffen. Vom internen Newsletter über Awards bis zur Großveranstaltung mit Topreferenten wie Oliver Kahn.

finanzwelt: Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg? Siebenhandl: Das klingt banal, ist es aber ganz und gar nicht. Ohne ein gutes und harmonisches Team, bei dem alle an einem Strang ziehen, lässt sich kein hohes Tempo erzielen. Und dass sich bei 1.800 Mitarbeitern jeder wahrgenommen und wertgeschätzt fühlt, ist keine einfache Aufgabe. Ich versuche dafür viel in unseren Läden unterwegs zu sein, viel zuzuhören und bin immer für Vorschläge offen. Dazu bin ich ein sehr greifbarer Manager, versuche bodenständig und nahbar zu sein – und verberge auch mein Privatleben nicht. Ohne eine gute Basis im Leben ist es schwierig, erfolgreich zu sein. Es ist wichtig, für andere da zu sein und Gutes zu tun – das ist ein Anspruch an mich selbst.

finanzwelt: Haben Sie noch weitere Tipps für gutes Management? Siebenhandl: Umgeben Sie sich mit Menschen, die schlauer sind als Sie. Wenn Sie das Gefühl haben, Sie sind der Smarteste im Raum, dann sind Sie im falschen Raum. Deshalb versuche ich mich immer mit hoch qualifizierten Mitarbeitern zu umgeben, aber auch mit den besten Beratern und Agenturen. Und: Seien Sie hart, aber fair und ein verlässlicher Partner. Es gibt nichts Schlimmeres als eine Führungskraft, die irrational oder unberechenbar handelt und ständig ihre Meinung ändert. Seien Sie mutig, denn Mut wird meistens belohnt. Ich versuche auch den Mut bei meinen Mitarbeitern zu fördern und ermuntere Sie, Entscheidungen zu treffen. Auch wenn mal eine falsche Entscheidung dabei ist – besser, man tut was, als im Theoriediskurs zu sterben. Denken, fühlen, machen – das ist meine Devise. Aber alles mit einem klaren strategischen Blick auf die anvisierten Ziele.

Vielen Dank für das Gespräch!