„Die Fed wird erst einmal abwarten“
10.02.2025

Carsten Mumm, Chefvolkswirt, DONNER & REUSCHEL / Foto: © DONNER & REUSCHEL
Auch 2025 ist ein Jahr der großen Entscheidungen. Geht es mit der Inflation wieder bergauf? Bleiben die USA die unumstrittene Nummer eins in der Welt? Was passiert mit der deutschen Wirtschaft? Viele Fragen, die wir Carsten Mumm, Chefvolkswirt DONNER & REUSCHEL, im Januar stellten.
finanzwelt: Herr Mumm, mit Blick auf die Kapitalmärkte, welche Erwartungshaltung haben Sie für 2025?
Carsten Mumm» Grundsätzlich haben wir positive Erwartungen. Die Inflation spielt nicht mehr die große Rolle wie in den letzten Jahren, wodurch die Leitzinsen in der Eurozone deutlich sinken können. Das dürfte auch für tiefere Anleiherenditen und Finanzierungskonditionen sorgen. Die Konjunktur in Europa sollte sich zumindest leicht erholen, allerdings wird Deutschland wohl das Wachstumsschlusslicht bleiben. Für den DAX und den S&P 500 rechnen wir mit Kurszuwächsen von bis zu 10 %, wobei wir eine Aufholung der Underperformer der vergangenen Jahre, oftmals kleinere und mittelgroße Unternehmen, für möglich halten. Der Euro dürfte vorerst schwach bleiben und nur im Falle positiver konjunktureller Überraschungen auf europäischer Seite wieder stärker aufwerten. Auch Gold sollte angesichts vielfältiger politischer Risiken und weiter steigender Staatsschulden sowie sinkender Zinsen zulegen können.
finanzwelt: In den vergangenen Jahren waren die USA global die Wachstumslokomotive. Wird das tendenziell so bleiben?
Mumm» In den USA schwächt sich die Wachstumsdynamik seit einigen Monaten ab. Allerdings gehen wir von einem Soft Landing aus, einer nur moderaten Abkühlung. Im Gesamtjahr 2025 wird die US-Wirtschaft mit mehr als 2 % wohl trotzdem noch etwa doppelt so stark wachsen wie die der Eurozone. Damit bleiben die USA als größte Volkswirtschaft ein wesentlicher globaler Wachstumstreiber. Die Region mit den höchsten Wachstumsraten ist jedoch Asien, vor allem Indien und viele kleinere südostasiatische Staaten.
finanzwelt: Mit dem Amtsantritt Trumps ändern sich einige Spielregeln. Kehrt die Inflation in Übersee zurück? Wie wird die Fed reagieren?
Mumm» Die US-Inflation liegt derzeit mit knapp 3 % ohnehin höher als in der Eurozone. Wenn Trump das Wachstum durch Steuersenkungen und Deregulierungen weiter befeuert, wird der Lohndruck am nahezu voll ausgelasteten Arbeitsmarkt weiter zunehmen und die Inflation anschieben. Vor allem aber drastische Zollerhöhungen und ggf. die Massenabschiebung von Migranten würden das Preisniveau nach oben schieben. Die Fed wird erst einmal abwarten. Wir rechnen zunächst mit nur zwei kleinen Leitzinssenkungen im laufenden Jahr. Sollte die Inflation aber stark anziehen, könnten es weniger werden.
finanzwelt: Was dürfen wir von der EZB angesichts des mauen Wirtschaftswachstums im 1. Halbjahr erwarten?
Mumm» Die EZB hat gute Gründe, die Leitzinsen weiter zügig zu senken. Der Inflationsanstieg über den Jahreswechsel ist u. a. auf einmalige Preisanhebungen – beispielsweise für das Deutschlandticket und den CO2-Preis – zurückzuführen und dürfte temporär bleiben. Im weiteren Jahresverlauf wird die Inflation nahe dem Ziel der EZB von 2 % liegen und wir rechnen mit insgesamt vier Leitzinssenkungen um jeweils 0,25 Prozentpunkte.
finanzwelt: Viel wird vom Bewertungsabschlag europäischer Aktien gegenüber den US-Pendants gesprochen. Hat Europa aktuell die Stärke, um Boden gegenüber den amerikanischen Wettbewerbern gutzumachen?
Mumm» US-Aktien haben eine viel stärkere Positionierung in High-Tech-Segmenten, allen voran bei Künstlicher Intelligenz und der benötigten Hardware. In Europa hingegen liegt der Fokus auf der klassischen Industrie und damit Mitteltechnologien wie Anlagen-, Fahrzeug- oder Maschinenbau. Diese leiden jedoch unter der seit Jahren schwachen Industriegüternachfrage, vor allem aus China, und haben ohnehin niedrigere Wachstumsraten. Zudem erhalten europäische Anbieter zunehmend Konkurrenz auf den Weltmärkten, ebenfalls vor allem durch chinesische Anbieter. Der Bewertungsabschlag könnte sich zumindest teilweise abbauen, wenn konkrete Strukturreformen, beispielsweise durch die neue Bundesregierung, zu einer Verbesserung der Standortqualität führen, oder – und diese Möglichkeit muss man einkalkulieren – wenn der Ukrainekrieg enden sollte.
finanzwelt: Die Schere innerhalb Europas klafft auseinander. Spanien performt, wohingegen Frankreich und Deutschland stark schwächeln. Finden letztere auf die Erfolgsspur zurück?
Mumm» In Deutschland ist die Chance dafür größer, wenn es eine schnelle und handlungsfähige Regierungsbildung gibt. Und wenn die neue Bundesregierung die Ertüchtigung des Standorts ganz oben auf ihre Agenda setzt und konkrete Schritte umsetzt. Ich erwarte das, denn ohne entscheidende Fortschritte könnte bei der dann folgenden Bundestagswahl eine Mehrheitsbildung der politischen Mitte schwierig werden. In Frankreich ist die politische Lage schon jetzt festgefahren. Es sieht eher nach einer Hängepartie bis zum Sommer und schließlich Neuwahlen aus, bei denen dann die politische Rechte noch mehr Zulauf bekommen könnte.
finanzwelt: Wie stehen Sie zu einem Aussetzen der Schuldenbremse?
Mumm» Die Schuldenbremse ist grundsätzlich sinnvoll, denn den Regierungsparteien fällt es in Demokratien offensichtlich schwer, die Staatsausgaben zu senken. Allerdings bestehen in Deutschland so große Defizite, etwa bei der Infrastruktur, der Verteidigung, der Energieversorgung oder bei der Startup- und Innovationsförderung, dass es fatal wäre, wenn notwendige Investitionen wegen der Schuldenbremse nicht getätigt werden könnten. Zumal staatliche Aufträge auch die schwache Konjunktur stützen könnten. Ich bin daher für eine Reform der Schuldenbremse. Es muss mehr Spielraum für die Finanzierung von Investitionen – ausdrücklich nicht für konsumtive Zwecke – geben.
finanzwelt: 2025 ist in China das Jahr der Schlange. Ein ganzer Katalog von Maßnahmen zur Stützung der angeschlagenen Wirtschaft wurde angekündigt. Bringen diese den erhofften Rückenwind?
Mumm» Es sieht noch nicht danach aus. Derzeit gehen wir eher von einem schwächeren Wachstum in China aus, vor allem weil strukturelle Probleme die Wirtschaft ausbremsen. Am wichtigsten ist die Konsolidierung des Immobiliensektors, des größten Wachstumstreibers der Jahre vor der Coronakrise. Die seit Jahren fallenden Immobilienpreise bremsen über einen negativen Vermögenseffekt aber auch den privaten Konsum aus. Dadurch stockt die von der Regierung erwünschte Stärkung der Binnenwirtschaft, um die Exportabhängigkeit zu reduzieren. Zudem sinkt künftig aufgrund der stark alternden Bevölkerung die Einwohnerzahl Chinas und die starke Machtkonzentration auf Xi Jinping erhöht politische und rechtliche Risiken für Unternehmen. Deutlich verbessern würden sich die Perspektiven wohl am ehesten durch eine wieder stärkere marktwirtschaftliche Ausrichtung, was aber kurzfristig kaum zu erwarten ist. (ah)

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