Das europäische Investment-Grade-Anleihe-Universum
27.02.2025
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Benjamin Suermann. Foto: @ nordIX
Trotz wirtschaftlicher Unsicherheiten zeigt sich der europäische Investment Grade Anleihemarkt stabil und attraktiv für langfristig orientierte Investoren.
Der europäische Investment Grade Anleihemarkt startete mit Rückenwind in das neue Jahr und präsentiert sich dabei in einem dynamischen Marktumfeld. Nach der markanten geldpolitischen Straffung beginnend in 2022 und der eingeläuteten Zinswende 2024 ergibt sich derzeit ein Bild, das sowohl Herausforderungen als auch Chancen für Investoren bereithält.
Dabei findet sich die Europäische Zentralbank derzeit in folgendem Spannungsfeld wieder: Die konjunkturelle Flaute mitsamt eher trüben Wachstumsaussichten der Eurozone verlangt prinzipiell nach weiteren Zinssenkungen seitens der Zentralbänker, gleichzeitig wirft die persistente Kerninflation aber die Frage auf, ob weitere geldpolitische Lockerungen nicht noch verfrüht sind. Für die kommenden Sitzungen der EZB Anfang März und Mitte April preist der Markt derzeit zwischen einer und zwei Zinssenkungen à 25 Basispunkte ein. Die Renditen europäischer Unternehmensanleihen bewegen sich inmitten der Unsicherheiten um den zukünftigen Pfad der Zinsen im Euroraum dabei im Mehrjahresvergleich weiterhin auf attraktiven Niveaus.
Kreditrisikoprämien: Gemischte Signale
Die Kehrseite der derzeitigen Einstandsrenditen für Anleiheinvestoren ist aus Unternehmenssicht die Tatsache, dass diese nach Jahren der Niedrig- und Negativzinspolitik Fremdkapitalgeber nun wieder vergüten müssen. Die vor einigen Jahren oftmals beschworene „Zombifizierung" vieler Unternehmen ließ sich bisher jedoch nicht beobachten.
Insbesondere Emittenten des High-Yield-Sektors spüren nun aber zunehmend Refinanzierungsbedarf, wobei Anschlussfinanzierungen mit deutlich höheren Kosten als bspw. noch zu Post-Corona-Zeiten einhergehen werden. Die Kreditrisikoprämien für Anleihen (auch Credit Spreads genannt) in Europa ergeben dabei zurzeit ein interessantes Bild: Beispielsweise haben sich Risikoprämien zwischen High Yield und Investment GradeTiteln in den letzten Monaten noch einmal spürbar verengt. Diese Dynamik reflektiert einerseits die anhaltende Renditejagd vieler Investoren, andererseits aber auch die fundamentale Marktstabilität. Gleichwohl sollten Investoren die Möglichkeit einer SpreadAusweitung bei veränderten Konjunkturbedingungen oder derzeit nicht unwahrscheinlichen geopolitischen Schocks im Blick behalten.
Die Kombination aus relativ engen Risikoprämien insbesondere auch für riskantere Emittenten bei gleichzeitig zunehmend spürbar werdendem Refinanzierungsdruck mitsamt in der Tendenz steigenden Finanzierungskosten ergibt dabei für aktive Manager ein potenziell spannendes Setup. Die folgende Grafik stellt die Entwicklungen der Kreditrisikoprämien der letzten fünf Jahre im EUR-Anleihemarkt dar (hier anhand der Option-Adjusted Spread (OAS) im EUR-Anleihesegment; in Pink zudem der sich zunehmend einengende Risikoaufschlag von HY gegenüber IG).
Strukturelle Veränderungen und Modeerscheinungen
Die Emittentenstruktur im EUR-IG-Segment unterliegt derweil leichten strukturellen Anpassungen. Während etablierte Industrieunternehmen weiterhin das Rückgrat des Marktes bilden, gewinnen Technologiekonzerne zunehmend an Bedeutung. Als Beispiel wäre hier u. a. die Anfang Februar von der Infineon AG emittierte und 750 Mio. EUR umfassende Anleihe mit Laufzeit bis 2030 zu nennen. Aber auch Staaten aus den verschiedensten Ecken der Welt nutzen regelmäßig den Zugang zu EUR-denominierten Schuldtiteln, um frisches Kapital einzusammeln. Dieses Jahr sahen wir so unter anderem bereits Länder wie Kroatien, Mexiko oder Usbekistan am EUR-denominierten Neuemissionsmarkt.
Der Finanzsektor erlebt dabei eine Renaissance – Banken und Versicherer profitieren substanziell vom erhöhten Zinsniveau und verbesserten Margen. Während nun insbesondere im europäischen Bankenumfeld Übernahmefantasien an Popularität gewinnen (z. B. UniCredit und Commerzbank), handeln Kreditausfallversicherungen (CDS) auf viele Banken und Indizes aus Banken bereits nahe oder unter ihren 5-Jahres-Tiefs.
ESG-Integration am Anleihemarkt
Die Integration von ESG-Kriterien hat sich zu einem zentralen Marktelement entwickelt. Das Emissionsvolumen nachhaltiger Anleihen wächst kontinuierlich. Interessant ist hier unter anderem die Einengung der sogenannten „Greenium“, also des Renditeabschlags, den Emittenten aufgrund der Erfüllung von ESG-Kriterien verbuchen können. Auch die Emission von Sustainability-Linked Bonds hat sich am Markt etabliert. Solche Anleihen zeichnen sich dadurch aus, dass die Höhe künftiger Kupon- oder Nominalzahlungen an die Erfüllung vorher definierter Nachhaltigkeitsziele geknüpft ist.
Der Primärmarkt zeigt sich zu Jahresbeginn in robuster Verfassung, mit einer gut gefüllten Emissionspipeline, die von Finanzinstituten und Versorgern dominiert wird. Die weiterhin hohen Überzeichnungsquoten über die Senioritäten hinweg belegen – in Kombination mit den sich zu Jahresbeginn einengenden Kreditrisikoprämien – die anhaltende Nachfrage nach festverzinslichen Papieren am Kapitalmarkt.
Die wirtschaftliche Entwicklung wird den weiteren Jahresverlauf maßgeblich prägen. Unternehmensgewinne haben sich bislang als widerstandsfähig erwiesen und bleiben – gemeinsam mit der Inflationsrate – ein zentraler Indikator. Das Euro-IG-Universum stellt unserer Einschätzung zufolge weiterhin eine sehr attraktive Kombination aus laufenden Renditen, weiterem Einengungspotenzial und hoher Schuldnerbonität dar und bietet dabei ein Umfeld, das Asset-Managern des Segments mit aktiver Titel- und Sektorallokation Chancen eröffnet.
Gastbeitrag von Benjamin Suermann, Portfoliomanager des nordIX Anleihen Defensiv vom Hamburger Fixed Income Spezialisten nordIX AG.
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