Bewertungshoch am US-Aktienmarkt: Genaues Hinschauen entscheidet
28.02.2025

Marc Seidner und Pramol Dhawan. Foto: @ PIMCO
Die derzeitigen US-Aktienbewertungen sind Ausdruck hochgesteckter Erwartungen. In der Folge werden Risikomanagement und Diversifikation wieder wichtiger.
Von ihren historischen Höchstständen sind die aktuellen Bewertungen am US-Aktienmarkt nicht mehr weit entfernt. Deshalb ist für Investoren jetzt auch der richtige Zeitpunkt gekommen, sich mit der Nachhaltigkeit der Kursgewinne auseinanderzusetzen und sich die Vorzüge einer breiten Diversifikation im Portfolio wieder vor Augen zu führen.
Warnsignale gab es in letzter Zeit einige. Der Fed-Vorsitzende Jerome Powell hat kürzlich verlauten lassen, dass sich die Vermögenspreise „vielen Kennzahlen zufolge derzeit auf einem hohen Niveau“ befinden. Und das Thema war kurz zuvor schon als Titel-Story im Wall Street Journal zu finden. Das Magazin berichtete, dass die Aktienrisikoprämie – also die Differenz zwischen der Gewinnrendite des S&P 500 und der Rendite von zehnjährigen US-Staatsanleihen – erstmals seit 2002 in den negativen Bereich gerutscht ist.
Hinzu kommt, dass das CAPE-Ratio (KGV auf Basis der durchschnittlichen, inflationsbereinigten Unternehmensgewinne der letzten zehn Jahre) zuletzt nur während der Dotcom-Blase und der Erholung nach der Pandemie auf einem vergleichbar hohen Niveau lag (Abb.1). In beiden Fällen trat der jeweilige CAPE-Höchststand zu einem Zeitpunkt auf, als die Fed und der Markt gerade ein jährliches Wachstum der US-Wirtschaft von 3,5 bis 4,7 Prozent prognostizierten. Die Prognose für 2025 liegt jedoch nur bei zwei Prozent.

Noch bedenklicher wird es mit Blick auf die enorm hohe Unsicherheit (Abb. 2). Denn die Zoll- und Handelspolitik der USA wird die Weltwirtschaft wahrscheinlich tiefgreifend verändern.

Im Wesentlichen stützt sich der Glaube an eine sich fortsetzende Rallye am US-Aktienmarkt auf zwei Annahmen: Zum einen scheint eine „Dieses-Mal-ist-alles-anders“-Mentalität vorzuherrschen. Und zum anderen besteht die Überzeugung, dass die wirtschaftliche Ausnahmestellung der USA mit ihrer Outperformance gegenüber der restlichen Welt so bestehen bleibt. Ende Januar wurden diese Annahmen auf die Probe gestellt, als Zweifel an der Nachhaltigkeit von Investitionen in Künstliche Intelligenz – insbesondere angesichts der zunehmenden Konkurrenz aus China – einen Kursrückgang auslösten. Derartige Schwankungen könnten zukünftig häufiger auftreten, und eine negative Aktienrisikoprämie reicht dann für einen adäquaten Ausglich möglicherweise nicht aus.
Diversifikation bleibt unentbehrlich
Als Investor wäre es also durchaus angebracht, sich wieder auf eine bewährte Strategie zurückzubesinnen: Diversifikation. Die Aktienrisikoprämie ist ja teilweise deshalb ins Negative abgerutscht, weil Anleiherenditen so attraktiv sind wie seit Jahren nicht mehr (Abb. 3).

Das hängt auch damit zusammen, dass sich die traditionell negative Korrelation zwischen Aktien und Anleihen zuletzt wieder festgesetzt hat. Anleihen gewinnen somit als Gegengewicht zu Aktieninvestments an Bedeutung.
Auf lange Sicht bleiben US-Aktien ein wesentlicher Bestandteil eines ausgewogenen Portfolios. Aktieninvestments haben in der Vergangenheit das Wachstum der US-Wirtschaft mitangetrieben und Millionen von Anlegern Vermögensaufbau und Altersvorsorge ermöglicht. Allerdings haben Phasen erhöhter Bewertungen tendenziell die kurzfristigen Risiken bei Aktienengagements angehoben.
Um noch einmal auf eine Bemerkung des Fed-Vorsitzenden Powell zurückzukommen – er sagte Ende Januar, dass es in der Natur des Menschen liege, Risiken mit extremem Verlustszenario zu unterschätzen. Die außergewöhnlichen Kursgewinne der vergangenen Jahre haben wahrscheinlich etliche Portfolioallokationen noch stärker auf die Aktienseite geschoben. Investoren sollten daher das Risiko der hohen Aktienbewertungen erneut prüfen und sich die wichtige Rolle von Anleihen in ausgewogenen Portfolios in Erinnerung rufen. Historisch betrachtet gleichen sich Bewertungen häufig wieder dem Durchschnittswert an. Einfach davon auszugehen, dass die aktuell außergewöhnlichen Marktbedingungen dauerhaft Bestand haben, könnte ein schwerwiegender Fehler sein.
Marktkommentar von Marc Seidner, CIO Non-traditional Strategies, und Pramol Dhawan, Portfolio Manager bei PIMCO.

Exklusiv
„Der Elefant im Porzellanladen“
