Chaotische Politik-Stile

Michael Beck, Leiter Asset Management Ellwanger & Geiger / Foto: © Ellwanger & Geiger

Finanzmärkte wollen Beständigkeit und Verlässlichkeit. Sie hassen Unsicherheit, unvorhergesehene Entwicklungen und nur schwer prognostizierbare Situationen. Und da bietet die Welt zurzeit mannigfaltige Irritationen, die die Marktteilnehmer beschäftigen. Italien bekommt keine Regierung aufgestellt und die Gefahr ist groß, dass der EU- bzw. Euro-Skeptizismus mit noch höheren Stimmenanteilen der populistischen Parteien dort weiter anwächst. Schlimmer noch ist, dass die Skepsis über die Refinanzierungsfähigkeit des EU-Gründungslandes Italien, einer der größten Volkswirtschaften der EU, ebenso wächst. Wie abgesprochen meldet sich das Nachbarland Spanien regierungskrisenhaft zurück, da noch diese Woche ein Misstrauensvotum gegen den spanischen Ministerpräsidenten Rajoy möglich sein könnte. Dabei ist die spanische Volkswirtschaft auf sehr gutem Wege, ihre krisenhaften Zustände hinter sich zu lassen. Der schwelende Katalonienkonflikt und die Regierungskrise könnten diesen Erholungsweg aufhalten.

Die USA spielen im Chaos-Spiel weiter munter mit. Dass der 45. US-Präsident Trump den international mit gefährlichsten Nordkorea-Konflikt als „Spielchen“ begreift, beängstigst schon ziemlich. Endgültig den Kopf schütteln muss man aber, wenn Trump, um den Kongress bei Zolleinführungen auszuhebeln, eine „Gefährdung der nationalen Sicherheit“ wegen ausländischer Autoimporte konstruiert. Es wird immer skurriler, und wenn man nicht wüsste, dass der US-Präsident mal wieder im Wahlkampfmodus ist (Kongress-Wahlen im Herbst), könnten einmal mehr Diskussionen über die geistige Zurechnungsfähigkeit eines der wichtigsten Staatenlenkers der Welt aufkommen.

Die verunsicherten Investoren fragen sich, warum dieser das sogenannte Establishment bekämpfende Populismus (dessen „Bekämpfer“ oft selbst lange Jahre Teil dieses Establishments waren bzw. sind) wie in Italien, den USA oder der Türkei meist mit absolutem wirtschaftspolitischem Dilettantismus einhergehen muss.

Gut, dass der ifo-Geschäftsklimaindex in Deutschland sich bei der letzten Befragung gefangen und seine Abwärtstendenz beendet hat. Die Stimmungsindikatoren in Europa kühlen sich zwar etwas ab, zeigen aber immer noch auskömmliches Wachstum an. Eine Euro-Krise 2.0 ist so ziemlich das Letzte, was Europa derzeit brauchen kann. Die Rahmenbedingungen und europäischen Institutionen sind stabiler als 2008/2009 und der als Folge der politischen Irritationen sinkende Euro-Kurs stützt die EU-Wirtschaft. Es hängt jedoch im weiteren Verlauf der politischen Entwicklung in Italien ab, ob die Aktienmärkte die an sich guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen abbilden können.

Marktkommentar von Michael Beck, Leiter Asset Management Bankhaus ELLWANGER & GEIGER KG