The BIG easy!

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Kaum eine Entwicklung beschäftigt Vermittler wie Versicherungswirtschaft derzeit so stark wie das Thema InsurTech. Die Bandbreite der Meinungen reicht von strikter Ablehnung über Nichtwahrhabenwollen bis hin zu nahezu grenzenloser Euphorie. Wie immer dürfte die Wahrheit in der Mitte liegen. Eines steht aber fest: Wer als Makler mit Weitsicht handelt, wird sich arrangieren müssen.

(fw/hwt) Die einen halten sie für schnell vergängliche Ware, die anderen für so etwas wie Gottes Segen in der Versicherungslandschaft. Und wieder eine andere Gruppe sucht neue Chancen in Kooperationen mit den Start-ups. InsurTechs machen so oder so von sich Reden. Michael H. Heinz etwa, der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Versicherungs-kaufleute (BVK), gibt sich hinsichtlich der neuen Welle von Unternehmensgründungen in der Szene mehr als selbstbewusst: „Sie sind eine digitale Modeerscheinung, die einfach nur Kunden abgreifen wollen und werden so rasch in ihren Nischen verschwinden wie sie gekommen sind, wenn sie die millionenschweren Renditeerwartungen ihrer Kapitalgeber nicht erfüllen und verwirrte Kunden merken, dass sie einem digitalen Hype aufgesessen sind.“ Sie könnten die qualifizierte und umfassende Beratung und Vermittlung durch die Versicherungskaufleute nicht ersetzen. Jeder Versicherungsvermittler sei allein durch seine langjährige Qualifizierung sowie seine persönlichen Kundenkontakte den FinTechs überlegen. Der BVK-Präsident geht sogar noch einen Schritt weiter bis hin zu einer äußerst eindringlichen Mahnung: „Der Kunde erteilt eine Maklervollmacht. Und der neue Makler hat dann das Recht, alle Versicherungsverträge des Kunden zu verwalten, umzudecken und sogar zu kündigen, wenn er meint, dass es am Markt bessere Angebote gibt. Denn Versicherungsmakler sind lt. Gesetz treuhänderische Sachwalter ihrer Kunden.“ Beratungsqualität in Gefahr? Klar ist zumindest das eine: Im vergangenen Jahr hat die Versicherungsbranche knapp 200 Mrd. Euro Beitragsumsatz erwirtschaftet – industrielles Sachgeschäft und Pensions-versicherungen allerdings zumindest teilweise eingerechnet. Das weckt Begierden – und weckt Ängste. Einerseits schießen InsurTechs wie Pilze aus dem Boden, andererseits verteidigen viele Lobbyisten althergebrachte Besitzstände mit Zähnen und Klauen. Ingo Linn, Vorstandsvorsitzender der Euro-Finanz-Service-Vermittlungs AG, hält die Beratungsqualität im digitalen Makler-Geschäft für gefährdet: „Bei der Vielzahl der unterschiedlichen Versicherungsgesellschaften und deren Produkten macht gerade die Qualität der Beratung den Unterschied. Wenn die persönliche Gesprächsbasis wegfällt, sinkt die Qualität der Beratung, weil nicht mehr angemessen auf die individuellen Bedürfnisse und Möglichkeiten der Kunden eingegangen wird.“ Sobald der Versicherungsmakler durch eine App ersetzt würde, leide die Beratungsqualität. Eine App sei zwar modern, könne aber Kompetenz, Erfahrung und hohe Beratungsstandards nicht ersetzen. Manche Kritiker bemängeln auch eine ihrer Ansicht nach fehlende Transparenz in Verträgen von InsurTechs. Im »Kleingedruckten« könnten sich Ausschließlichkeits-Regelungen und Löschungsvereinbarungen von anderen Versicherungen verstecken. Ein hohes Storno sei deshalb einzukalkulieren. Zudem verweigerten manche Versicherer jegliche Kooperation mit InsurTechs, würden aber dennoch dort gelistet. Darüber hinaus: Mit jedem Nutzer einer solchen App gehe auf die eine oder andere Art auch ein Versicherungsmandat verloren. Dies allerdings ist eine Befürchtung, die bei näherer Betrachtung der neuen Internet-Stars nur bedingte Berechtigung hat. Investorengelder fließen reichlich Doch der Zug lässt sich nicht mehr aufhalten – ob die Gegenargumente nun zumindest in einzelnen Fällen gerechtfertigt sein mögen oder nicht. Nach Angaben der Finanzchef24 GmbH wurden weltweit im vergangenen Jahr rund 2,65 Mrd. US-Dollar in digitale Versicherungs-player investiert. Zwar steht der deutsche Markt noch vergleichsweise am Anfang, doch auch hierzulande lassen Meldungen über getätigte Investitionen aufhorchen. Die Grenke Bank investiert gemeinsam mit den Altgesellschaftern Target Partners, HW Capital und Mercura Capital 4 Mio. Euro in das Münchner Start-up Finanzchef24, dem nach eigenen Angaben 1. digitalen Versicherungsmakler für Unternehmer und Selbstständige in Deutschland. Friendsurance hat vor wenigen Monaten – quasi auf einen Schlag – bei Investoren über 15 Mio. US-Dollar eingesammelt. Leads-Investor war über seine in Hongkong ansässige Investmentgesellschaft Horizons Ventures Li Ka-shing, lt. Forbes derzeit mit 31 Mrd. US-Dollar achtreichster Mensch der Welt. „Dass so ein erfahrender VC wie Horizons Ventures bereits zum 2. Mal in unser Geschäftsmodell investiert, zeugt von großem Vertrauen in unsere Idee und unsere Entwicklung“, sagt Unternehmensgründer Tim Kunde. In München ist derweil mit dem W1 Forward InsurTech Accelerator ein neuer Start-up-Beschleuniger gestartet. Partner sind – neben dem bayerischen Ministerium für Wirtschaft und Technologie und weiteren – auch die Versicherungskonzerne Allianz und Munich Re, zu der auch ERGO gehört. In einem 6-monatigen Programm werden unter anderem Trainings mit internationalen Coaches geboten. Bereits für den Februar kommenden Jahres ist ein weiteres Programm geplant. Die Allianz selbst wiederum hat sich an der simplesurance Group beteiligt. Ab sofort vertreibt das Berliner Unternehmen EU-weit auch Allianz-Produkte auf den Endkunden-Portalen wie Schutzklick.de sowie in mehr als 1.500 Online-Shops. Erweiterte Marktdurchdringung Die internationale Präsenz der Allianz ermöglicht simplesurance schneller als bisher in neue internationale Märkte vorzudringen, um so eine breitere Kundenbasis ansprechen zu können. Die Cross-Selling Lösung von simplesurance hilft Online-Stores, auf einfachste Weise zusätzliche Marge zu generieren. „Die Zusammenarbeit mit der wertvollsten Versicherungsmarke der Welt stärkt sicher auch unsere Marke und ermöglicht simplesurance beschleunigtes internationales Wachstum“, sagt CEO Robin von Hein. „Es ergänzt außerdem unser bisheriges Portfolio an renommierten Versicherungspartnern.“ Online-Shops wie reBuy, weltbild oder OnePlus haben die Software von simplesurance in ihr Shop-System integriert. In diesen Internet-Shops wird passend zum Produkt eine Versicherung angeboten. Und dann noch dies: Zur Umsetzung der eigenen Online-Strategie ist der Finanzdienstleister MLP eine umfangreiche Kooperation mit dem InsurTech massUp eingegangen. Ziel ist es, Interessenten und MLP Kunden den Online-Abschluss einfacher Versicherungsprodukte auf der MLP Kundenwebsite zu ermöglichen. MLP passt dafür das von massUp entwickelte System an und integriert es in die eigene Kundenwebsite. Als Produktpartner stehen verschiedene Versicherer zur Verfügung. Diese haben den MLP Partner- und Produktauswahlprozess erfolgreich durchlaufen. Dabei prüfen MLP Experten die Versicherer und ihre Angebotsbedingungen genau, mitunter gestützt auf externe Ratings. „Für MLP war es wichtig, beim Aufbau des neuen Angebots 2 Punkte in Einklang zu bringen: Geschwindigkeit und zugleich Qualität. Hier konnte massUp als FinTech mit seiner flexibel anzupassenden Gesamtlösung punkten“, sagt Thomas Freese, Leiter Kundenmanagement bei MLP. Und Dominik Groenen, einer der Gründer von massUp, ergänzt: „MLP ist auch für massUp ein optimaler Partner: Unternehmensgröße und -struktur von MLP bieten beste Voraussetzungen, um mit FinTechs wie massUp zu kooperieren – und gemeinsam neue Online-Lösungen für Interessenten und Kunden umzusetzen.“ Im Rahmen der Kooperation geplant sind im 1. Schritt Angebote zur Absicherung von Elektronik-Geräten, insbesondere Smartphones, sowie von Fahrrädern und E-Bikes, außerdem Auslandsreisekrankenversicherungen. „Unser Ziel ist es vor allem, mit einem sehr konkurrenzfähigen Angebot Neukunden online zu gewinnen. Zugleich wollen wir Erfahrungen sammeln für eine Ausweitung des Angebots bei einfachen Versicherungsprodukten“, sagt Freese. Prächtige Perspektiven Das Beispiel massUp zeigt, dass InsurTechs nicht nur Konkurrenten zum herkömmlichen Vertrieb sein müssen. Das Unternehmen ist eine sog. White-Label-Plattform für den Verkauf von einfachen Versicherungen im Vermittlermarkt, inkl. Provisionen. Und übrigens auch mit hervorragenden Zukunftsaussichten. Im April dieses Jahres dufte massUp sein Geschäfts-modell in London vor über 700 Investoren und Finanzunternehmen aus aller Welt präsentieren. Das entschied zuvor die weltweit angesehene FinTech-Organisation „Startupbootcamp“ in London. Als einziger deutscher Vertreter der FinTech-Wirtschaft.