Längst nicht ausgedient

27.02.2014

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Der Absatz konventioneller Lebens- und Rentenpolicen ging Vermittlern schon einmal flotter von der Hand. Doch ohne solche Vorsorge werden die Bundesbürger in eine Armutsfalle laufen. Dies muss ihnen mehr denn je bewusst gemacht werden.

Von wirklichen Rentensteigerungen deutlich oberhalb der Inflationsrate werden die Bundesbürger auch künftig allenfalls träumen können. Nicht ohne Grund ist schließlich die Regelarbeitszeit auf 67 Jahre hinaufgesetzt worden. Und auch wenn die Koalitionsvereinbarungen unter bestimmten Bedingungen ein Ausscheiden aus dem Berufsleben schon mit 63 Jahren vorsehen, mittlerweile sogar unter heftigem Beschuss durch die EU, geht es in vielen politischen Zirkeln bereits um eine ganz andere Größe. Nämlich darum, ob man das Einstiegsalter in die gesetzliche Rentenversicherung nicht vielleicht auf 70 Jahre erhöhen sollte. Diese bittere Pille würden die Deutschen angesichts eines weit verbreitet immer besseren Gesundheitszustands bis hinein ins hohe Alter vielleicht noch murrend schlucken. Fraglich ist, ob eine ganz andere Botschaft tatsächlich bis zu ihnen durchgedrungen ist: Das Bruttorentenniveau wird schon in absehbarerer Zeit – bis zum Jahr 2030 – auf rund 40 % sinken. Bei dieser Marke handelt es sich um den Anteil am Verdienst vor Steuern, der direkt vor dem Ausscheiden aus der Erwerbstätigkeit erzielt wurde. Eindeutig ist auch der biometrische Vorteil dieses Modells: lebenslang und fest kalkulierbare Rentenzahlungen, bei denen der spätere Rentenfaktor meistens bereits beim Vertragsabschluss verbrieft wird. Der herausragende Bedarf an zusätzliche Altersvorsorge ist unverkennbar. Und jeder Zweifel ausgeschlossen, dass diese einen entsprechenden Umfang haben muss. In den vergangenen Jahrzehnten hatte sich hierfür die klassische Kapitallebensversicherung angeboten, mittlerweile wird sie immer mehr von der konventionellen privaten Rentenversicherung verdrängt. Bietet diese doch nicht nur den Vorteil einer in erheblichem Umfang steuerlich begünstigten lebenslangen Rentenzahlung. Darüber hinaus sind – wie bei Kapitalpolicen – auch einmalige Auszahlungen am Vertragsende möglich. Mehr gute Argumente benötigt kein Vermittler. Deshalb sollte sich niemand von gezielten Kampagnen kirremachen lassen.

Gleichwohl stehen die Modelle infolge der schon seit Jahren anhaltenden Niedrigzinsphase unter Argumentationsdruck. Wollen die Kunden sie überhaupt noch? Eine klare Antwort gibt Dr. Walter Botermann, Vorstandsvorsitzender der ALTE LEIPZIGER Lebensversicherung a.G.: „Garantieprodukte, wie klassische Lebens- oder Rentenversicherungen, werden von unseren Kunden und Geschäftspartnern unverändert nachgefragt." Für sein Unternehmen sei es selbstverständlich, dass man den Geschäftspartnern, mit denen man schon viele Jahre erfolgreich zusammenarbeite, auch in einem anspruchsvollen Marktumfeld die Produkte anbiete, die sie für ihren Vertriebserfolg benötigten. Dr. Botermann: „Es gibt im Rahmen von Garantieprodukten, biometrischer Absicherung und stabiler Verzinsung keine Alternativen." Dr. Thomas Wiesemann, Vorstand der Allianz Lebensversicherungs-AG, macht darauf aufmerksam, dass die Kunden beim Stuttgarter Unternehmen ohnehin frei wählen könnten, wie sie es bei klassischen Produkten mit den Garantien handhaben wollen. Im vergangenen Jahr hatte der Versicherer deshalb seine Produktlinie „Perspektive" an den Markt gebracht. Dr. Wiesemann: „Der Kern der Lebensversicherung ist die Glättung von schwankenden Kapitalerträgen durch Aufbau und Entnahme von Reserven, dem kollektiven Guthaben. Dadurch kann eine sehr hohe Stabilität der Erträge erzeugt werden, ein sehr großer Mehrwert, gerade in dem jetzigen Zeitalter großer Unsicherheiten. Wir bieten zwei Vorsorgekonzepte an, die zu 100 % in den Deckungsstock, das Allianz Sicherungsvermögen, investieren: Klassik und Perspektive." Bei Perspektive erhalte der Kunde etwas weniger Garantie, aber dafür nachhaltig eine erhöhte Überschussbeteiligung. Das sei für sicherheitsorientierte Vorsorgesparer gerade im derzeitigen Umfeld niedriger Zinsen hoch attraktiv. Wer darüber hinaus stärker am Aktienmarkt partizipieren wolle, aber dabei dennoch Sicherheiten haben möchte, für den seien die Vorsorgekonzepte IndexSelect und Invest alpha-Balance von besonderem Interesse. Auch diese Produkte profitieren von unserem starken Sicherungsvermögen. Bei allen Vorsorgekonzepten gebe es ab Rentenbeginn eine leistungsstarke lebenslange Rente, egal wie alt der Kunde werde. Und er ergänzt: „Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal der Lebensversicherung, das immer wichtiger wird." Ein klares Bekenntnis zur klassischen Altersvorsorge kommt auch von Dr. Dr. Michael Fauser, Leben-Vorstand im Continentale Versicherungsverbund: „Kunden wollen jetzt und in Zukunft Produkte mit lebenslangen Garantien und schließen sie auch ab. Diese Produkte bieten wir ihnen und den Vermittlern."

Gleichzeitig legen viele Unternehmen Wert darauf, beide Produktwelten anzubieten – die konventionelle und die fondsgebundene. So auch die SIGNAL IDUNA Gruppe, deren Vorstandsvorsitzender Ulrich Leitermann gleichzeitig an die staatliche Förderung etwa über eine günstigere Besteuerung erinnert: „Die meisten Menschen wollen möglichst viel Sicherheit, wenn sie für das Alter vorsorgen. Das ist auch richtig, denn nur so besteht für die Altersvorsorge die nötige Planungssicherheit. Auch der Staat erwartet natürlich, dass die Altersvorsorge, die er fördert, möglichst sicher ist. Insgesamt macht es wie immer die Mischung. Deshalb gehört in jedes private Portfolio eine klassische Lebens- und Rentenversicherung." Auf die Frage, wie lange sein Unternehmen mit dem niedrigen Zinsumfeld leben könne, ohne dass der Garantiezins im Bestand gefährdet wäre, antwortet er zudem sehr selbstbewusst: „Noch länger als die Niedrigzinsphase dauern wird." Und selbst ein Unternehmen, das schwerpunktmäßig im Geschäft mit fondsgebundenen Policen unterwegs ist, wie die NÜRNBERGER Lebensversicherung AG, hält auch in der Krise die Fahne der klassischen Angebote hoch. So Dr. Jürgen Voß, verantwortlicher Aktuar: „Wir orientieren uns am Bedarf unserer Kunden. Die Nachfrage nach Altersvorsorgeprodukten ist ungebrochen. Darüber hinaus stellen wir nach den Finanzmarktkrisen der letzten Jahre ein erhöhtes Bedürfnis nach sicheren und verlässlichen Vorsorgelösungen fest. Dieses Bedürfnis erfüllen klassische Produkte in besonderer Weise. Die klassische Rentenversicherung ist zudem die einzige Möglichkeit, das Armutsrisiko durch die zum Glück weiterhin steigende Lebenserwartung abzusichern."

Dennoch laufen Kritiker Sturm und überbieten sich in Horrorszenarien. Sogar das lächerliche Bonmot aus alten Zeiten von der Lebensversicherung als legalem Betrug macht wieder die Runde. So bei einer Veranstaltung Ende vergangenen Jahres, als Edda Castello, Referentin der Verbraucherzentrale Hamburg, bei einer Podiumsdiskussion in Köln zu Wort kam. Frank Hilbert, Vorstandssprecher der Hannoversche Lebensversicherung AG, begegnet solchen Attacken mit Fakten: „Fest steht, dass Garantien – die Kernkompetenz der Versicherer – für den Markt weiterhin wichtig bleiben werden. Keine andere Branche ist in der Lage, Garantien über längere Zeiträume darzustellen. Dieses Know-how ist einzigartig und bei der langfristigen Altersvorsorge von elementarer Bedeutung. Und wie bereits erwähnt, ist die kapitalbildende Versicherung unter Risiko-Rendite-Gesichtspunkten immer noch ungeschlagen." Die Kunden bekämen bei vergleichbarer Sicherheit von keinem Wettbewerber mehr Rendite. Auch der eingeschlossene Todesfallschutz stelle einen deutlichen Mehrwert dar. Allerdings werde vor dem Hintergrund der anhaltenden Niedrigzinsphase das Kostenargument insbesondere bei kürzeren Laufzeiten eine immer wichtigere Rolle spielen. Dr. Roland Schäfer, Mitglied des Vorstands ARAG Lebensversicherungs-AG, fügt hinzu: „Generell gilt: Einen kollektiven Schutz gegen das biometrische Risiko Langlebigkeit bieten nun einmal nur die Lebens- und Rentenversicherungen. Das ist ein wichtiger Aspekt, denn in der heutigen Gesellschaft ist dank desmedizinischen Fortschritts die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass jemand 90 Jahre oder sogar älter wird." Einen Teil der selbsternannten Verbraucherschützer interessieren derlei Argumente hingegen kaum. Stattdessen raten sie vehement vom Abschluss neuer Policen ab und bieten mitunter Beratung in der Frage an, ob man seinen bestehenden Vertrag besser kündigen sollte. Ein Verhalten, das ALTE LEIPZIGER-Chef Dr. Botermann zu einem bissigen Kommentar herausfordert: „Der Kauf von Briefmarken, zu dem die Verbraucherzentrale Hamburg auch schon geraten hat, ist sicherlich kein geeignetes Mittel zur Altersvorsorge." Allerdings gibt es durchaus auch Verständnis, etwa bei SIGNAL IDUNA-Vorstandschef Leitermann: „Viele Menschen wissen, dass solche Hinweise nicht hilfreich sind, wenn man im Alter ein auskömmliches Einkommen haben möchte. In einem Punkt gebe ich den Verbraucherzentralen allerdings Recht, wir haben viel zu lange die Rendite in den Vordergrund gestellt. Das Alleinstellungsmerkmal der Lebensversicherung sind aber die zusätzlichen Absicherungen beispielsweise der Erwerbsfähigkeit oder der Angehörigen."

Dass den Kunden nach geltendem Recht auch bei einer vorzeitigen Vertragskündigung anteilmäßig die Hälfte der stillen Reserven zusteht, macht die Lage der Lebensversicherer nicht einfacher. Zum Hintergrund: Den weitaus größten Teil der ihnen von den Kunden anvertrauten Spargelder investieren die Gesellschaften in festverzinsliche Wertpapiere, den Rest in Immobilien, Aktien und Beteiligungen. Börsentäglich werden an der Börse für die meisten Assets Kurse festgelegt. Liegen diese oberhalb der in den Bilanzen verbuchten Werte, stellt die Differenz eine so genannte Bewertungs- oder stille Reserve dar. Obwohl es sich dabei nicht um wirkliche Erträge handelt, müssen die Versicherten auf Wunsch hieraus bedient werden. Gerade in Zeiten niedriger Zinsen ist das für die Lebensversicherer eine ungeheure Belastung. Ihr Wunsch deshalb: Die stillen Reserven sollten vorrangig denjenigen Kunden zugutekommen, die ihre Verträge „durchhalten". Die Politik hat das Problem erkannt, die Bundesregierung arbeitet derzeit an einer gesetzlichen Änderung. Walter Botermann zeigt sich hinsichtlich des Ergebnisses optimistisch: „Die Politikmuss nun festlegen, wer von den Bewertungsreserven profitieren soll. Sie ist nach unserer Auffassung in der Verantwortung, eine gerechte Lösung zu finden. In der Branche wird damit gerechnet, dass sich die Vertreter der Politik von diesen Argumenten überzeugen lassen. Auf alle Eventualitäten vorbereitet, zeigt sich die NÜRNBERGER, so deren verantwortlicher Aktuar Dr. Voß: „Neben dem Gesetzentwurf, der bereits 2012 kurz vor der Verabschiedung stand, gibt es mehrere denkbare Varianten einer künftigen Beteiligung an den Bewertungsreserven. Da nicht klar ist, für welche Variante sich der Gesetzgeber entscheiden wird, bereiten wir uns auf alle möglichen Varianten vor und können dann flexibel reagieren." Die Korrektur der Beteiligung an Bewertungsreserven sei ein wichtiger Schritt zur Versichertengerechtigkeit, da realisierte Bewertungsreserven nichts anderes seien als vorgezogene Zinsen, die am Ende der Gemeinschaft aller Versicherten fehlten. In der Tat ist das Bild kurios – die an jährlich 5 % vorzeitig kündigende Kunden ausgeschütteten Bewertungsreserven übersteigen mittlerweile die laufende Überschussbeteiligung an die 95 % verbleibenden Kunden. Dies hält auch Allianz-Manager Dr. Wiesemann für dringend reformbedürftig: „Diese einseitige Verteilung der erwirtschafteten Erträge aus Bewertungsreserven halte ich für kritisch." Allerdings müsse man jetzt einfach abwarten, wie die Bundesregierung entscheide. In der Realität dürften die Lebensversicherer schon ein Stück weiter informiert sein, als sie öffentlich und auch in vertraulichen Gesprächen zugeben wollen. Gilt doch der GDV als die am besten vernetzte Lobby in Berlin. Letztlich sollte sich aber auch in der Politik als Einsicht niederschlagen, was ihr Continentale-Vorstand Dr. Dr. Fauser mit auf den Weg gibt: „Man kann Bewertungsreserven nur einmal verteilen." (hwt)

Klassische Lebensversicherungen - Onlineausgabe 01/2014