Zinssenkung im Juni?

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Wolfgang Juds

Die EZB lässt den Leitzins unverändert bei 0,25 %. Dennoch ist es durchaus möglich, dass die Europäische Zentralbank im Juni an der geldpolitischen Schraube dreht. Was sind die Gründe und wie können sich die Investoren positionieren? “finanzwelt” befragte Wolfgang Juds, Geschäftsführer CREDO Vermögensmanagement GmbH, nach seiner Einschätzung.

Der EZB-Rat hat in seiner auswärtigen Sitzung in Brüssel am gestrigen Donnerstag, den 08. Mai 2014 beschlossen, den Leitzins weiterhin bei 0,25 % zu belassen. In der anschließenden Pressekonferenz kam es dann zur Überraschung: EZB-Chef Mario Draghi hat für die nächste Sitzung eine Lockerung der Geldpolitik in Aussicht gestellt. „Der Rat ist bereit, im Juni zu handeln”, sagte Mario Draghi. Allerdings lässt sich die EZB eine Hintertür offen und macht die Entscheidung von den dann vorhandenen Daten und Prognosen abhängig.

Sorge bereitet der EZB vor allem die sehr niedrige Inflationsrate, die im April zwar von 0,5 % im März auf 0,7 % gestiegen ist, aber sie liegt damit weiterhin unter der wichtigen Marke von 2 %. Im Zusammenhang damit beunruhigt den EZB-Chef auch der hohe Wechselkurs des Euro, der als eine Hauptursache für die niedrige Inflationsrate und eine Gefahr für die Wirtschaft gesehen wird. Man will sich nicht mit den niedrigen Inflationsraten abfinden. Unklar bleib allerdings, um welche Maßnahmen es sich handeln könnte. Beobachter gehen überwiegend davon aus, dass es im Juni zu einer Leitzinssenkung kommt, denn die Aussagen von Mario Draghi waren geradezu deutlich. Kurz nach seinen Worten kam es beim Euro-Wechselkurs zu einer Korrektur. Gegenüber dem US-Dollar fiel der Euro um gut 1 % auf 1,38. Die Rentenmärkte reagierten freundlich auf die Aussicht einer weiteren Lockerung der Geldpolitik. Der BundFuture zog an und die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihen liegt nur noch bei knapp 1,45 %.

Was bedeutet dies für die Anleger?
Viele Analysten und Marktteilnehmer haben zu Beginn des Jahres mit überwiegend steigenden Zinsen gerechnet und sich entsprechend positioniert. Aber es kam wieder einmal anders. Am Jahresanfang haben die 10-jährigen Bundesanleihen noch mit 1,94% rentiert – aktuell sind es etwa 25 % weniger und das in gerade einmal vier Monaten! Vermutlich werden die Zinsen in der Eurozone deutlich länger niedrig bleiben als gedacht. Darauf sollten sich die Anleger einstellen und sich entsprechend positionieren. Eine gute Möglichkeit ist es, im Depot eine Risikostreuung vorzunehmen. Zum einen sollte eine Aufteilung auf die verschiedenen Anlageklassen wie Aktien, Renten, Gold, Immobilien und Liquidität erfolgen. Zum anderen sollten die Anleger auch innerhalb der Anlageklasse „Renten” eine größere Diversifizierung erwägen. Anleihen aus Schwellenländer, Wandelanleihen und Unternehmensanleihen gehören in jedes gute gestreute Depot. Darüber hinaus gilt es, Opportunitäten zu identifizieren undauszunutzen. Kursrückschläge können für einen Positionsaufbau genutzt werden.

Was ist mit den Aktien?
Mit Aktien profitiert der Anleger von der positiven Entwicklung und der Wertschöpfung der Wirtschaft. Deshalb gehören Aktien unbedingt in ein gut gestreutes Depot. Allerdings sind die meisten Aktien nicht mehr preiswert, was mich vor allem bei Neuanlagen vorsichtig sein lässt. Europäische Aktien sind gemessen am MSCI Europa momentan etwa mit dem 14-fachen ihres Gewinns bewertet. Damit liegen sie deutlich höher als vor einem Jahr und vor allem über dem langjährigen Durchschnitt, bei dem das KGV zwischen 11 und 12 gelegen hat. Das stimmt mich vorsichtig. Allein das Argument, dass Renten noch teurer sind, ist mir zu wenig. Die Gewinne müssen entweder im Laufe des Jahres im Zuge der Konjunkturerholung in Europa steigen oder die Kurse sollten zurück kommen. Diese Entwicklung gilt es abzuwarten. Außerdem scheint die EZB mit der wirtschaftlichen Entwicklung in Europa auch nicht ganz zufrieden zu sein, denn sonst würde sie keine Maßnahmen zur geldpolitischen Lockerung in Betracht ziehen.
Ein altes Sprichwort sagt: „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste!”

(Autor: Wolfgang Juds, Geschäftsführer CREDO Vermögensmanagement GmbH)