Worst Case vorerst vermieden

Pierre Bose, Leiter Anlagestrategie Europa der Credit Suisse / Foto: © Credit Suisse

Die französischen Bürger gaben gestern in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen ihre Stimmen ab. Frühe Hochrechnungen auf Basis einer teilweisen Stimmenauszählung ergeben 23.8 % für den gemässigten Vertreter Emmanuel Macron gefolgt von der Kandidatin des Front National, Marine Le Pen, mit 21.7 %. Dadurch ziehen diese beiden Politiker in die Stichwahl am 7. Mai ein. Das Rennen gegen die beiden anderen Hauptkandidaten war jedoch eng. Der Republikaner François Fillon und der weit links aufgestellte Jean-Luc Mélenchon erreichten 19.7 % bzw. 19.2 %. Der Sozialist Benoît Hamon wurde von 6.4 % der Wahlberechtigten unterstützt. Erstmals seit Jahrzehnten sind die beiden führenden Parteien Les Républicains und Parti Socialiste nicht in der zweiten Runde des Präsidentschaftsrennens vertreten. Es wurde befürchtet, dass die breite Politikverdrossenheit die Wähler fernhalten würde. Die geschätzte Beteiligung belief sich jedoch auf knapp unter 80.0 %. Damit liegt sie zwar unter dem Stand von vor fünf Jahren, übertraf aber die Schätzungen von vor der Abstimmung.

Es wird nun erwartet, dass Emmanuel Macron die zweite Runde der französischen Präsidentschaftswahlen vor der rechts aussen befindlichen Vertreterin des Front National gewinnen wird. Die meisten Meinungsforscher, deren Erwartungen vor der ersten Runde dem angekündigten Ergebnis entsprachen, geben Emmanuel Macron in der Stichwahl einen Vorsprung von 20 Punkten. Kurz nach der Ergebnisbekanntgabe gestern Abend begannen die besiegten Hauptkandidaten, ihre Wähler zu einer Stimmabgabe für Macron aufzufordern. Trotzdem bleibt es unsicher, ob er vor den Parlamentswahlen im Juni die Unterstützung der Wähler gewinnen kann, da seine Partei En Marche! lediglich ein Jahr alt ist.

Die Märkte dürften positiv auf diese  Meldungen reagieren, weil nun das Risiko einer Präsidentschaft, die sich nachteilig für die französische Wirtschaft und die europäische Integration herausstellen dürfte, wesentlich niedriger ist. Das Anlagekomitee der Credit Suisse zieht weiterhin europäische Aktien vor, die durch die günstige Bewertung und die positive Wachstumsdynamik unterstützt werden. Auch europäische Bankaktien sollten während der nächsten Tage profitieren, und wir ziehen sie weiterhin gegenüber ihren US-Konkurrenten vor. An den Währungsmärkten wird der Euro wahrscheinlich einen kurzfristigen Erleichterungsanstieg verzeichnen. Die langfristige fundamentale Abweichung zwischen der Geldpolitik der US-Notenbank und der Europäischen Zentralbank (EZB) sollte aber weiterhin für unsere Underperform-Einschätzung des Euros gegenüber dem USD sprechen. In dieser Woche dürfte die Aufmerksamkeit auf der geldpolitischen Sitzung der EZB am Donnerstag liegen. Es wird davon ausgegangen, dass Präsident Mario Draghi die geldpolitische Unterstützung unverändert beibehalten wird.

Marktkommentar von Pierre Bose, Leiter Anlagestrategie Europa der Credit Suisse und Sandrine Perret, Investment Strategist, IWM der Credit Suisse