Trendsetter

Foto: © Marc Jahn
Berufsunfähigkeitsversicherungen kosten nicht nur ihren Preis, sie sind auch für etliche Berufsgruppen oder Personenkreise gar nicht oder kaum darstellbar. Da kommt eine relativ neue Spielart der Invaliditätsabsicherung gerade recht, kennt sie doch diese BU-Problematik nicht. Ersetzen kann sie das Flaggschiff BU nicht, das Potenzial zum Markterfolg hat sie dennoch.

 

Multi-Risk-Policen (MRP) sind schon lange aus der Sachversicherung bekannt, im privaten wie im gewerblichen Bereich. Wie ihr Name schon sagt, ersparen sie dem Kunden, mehreren Risiken mit unterschiedlichen Verträgen zu Leibe rücken zu müssen. Seit einigen Jahren reüssieren sie auch im Bereich der Invaliditätsversicherung, sollen angeblich sogar der Berufsunfähigkeitsversicherung Konkurrenz machen können. Diesem Anspruch werden sie jedoch nicht im Geringsten gerecht. Im Kern handelt es sich bei diesem Modell nämlich um eine Unfallversicherung mit angehängten Bausteinen. Leistung gibt es aus den einzelnen Teilen in Form einer – lebenslangen – Rente. Aus der Unfallversicherung fließt in der Regel bei einem mindestens 50-prozentigen Invaliditätsgrad Geld. Aus dem Baustein Grundfähigkeitenversicherung, wenn der Versicherte nicht mehr hören, sehen oder sprechen kann, oder wenn er drei oder vier Grundfähigkeiten verliert, beispielsweise Sitzen, Stehen, Gehen oder Treppensteigen. Auf den Verlust von wie vielen Fähigkeiten es ankommt, hängt vom jeweiligen Policen-Anbieter ab. Versichert sind auch organische Funktionseinschränkungen, etwa von Herz, Nieren oder der Lunge. Und bei einer Krebserkrankung gibt es abhängig vom Versicherer eine auf ein halbes Jahr oder fünf Jahre begrenzte Leistung. Und dann ist da noch der Baustein Pflegebedürftigkeit. Wird diese als solche vom medizinischen Dienst der Krankenkassen als solche anerkannt, wird eine Rente fällig. In diesem Baustein bei etlichen Versicherern auch wegen psychischer Erkrankungen. Mit dem Thema Berufsausübung hat all dies nur sehr entfernt zu tun – dafür kostet eine Multi-Risk-Versicherung aber auch deutlich weniger Geld. Die Begründung hierfür müsste in der Risikokalkulation zu finden sein. Doch Rolf Schünemann, Vorstandsvorsitzender der BCA AG, schränkt ein: „Davon dürfte nicht zwingend auszugehen sein. Da die MRP beim Produktanbieter sowohl in der Sparte Lebensversicherung als auch in der Sparte Komposit angesiedelt sein können, ergeben sich jedoch grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten der Kalkulation.“ Vor allem aufgrund der noch vergleichsweise jungen Marktpräsenz und seiner damit verbundenen überschaubaren Anzahl des Versichertenkollektivs fehlten jedoch wichtige Erfahrungswerte, die indes im Bereich der BU vorliegen, da sie dort bereits über viele Jahre hinweg gewachsen seien.

 

Manuel Löbach, Leiter Produkt- und Marktmanagement im Gothaer Konzern, erläutert dies sehr präzise: „Die grundlegende versicherungsmathematische Kalkulation von Multi-Risk-Policen unterscheidet sich stark von der von BU-Policen. In BU-Policen werden – genau wie bei den meisten Lebensversicherungs-Policen – langjährige Garantien ausgesprochen. Bei BU-Policen vor allem die Preisgarantie und die unter normalen Umständen vom Versicherer nicht einseitig mögliche Kündigung des Vertrags.“ Träten Schadenfälle nicht wie aus den statistischen Grundlagen der Kalkulation heraus erwartet auf, könne dies zwar zunächst mit einer jährlich möglichen Anpassung der Überschussbeteiligung, die an den Kunden in Form einer Beitragsreduktion weitergereicht werde, kompensiert werden. Allerdings sei damit spätestens mit der Streichung der gesamten Überschussbeteiligung und Erreichen des garantierten Maximalbeitrags Schluss – abgesehen vielleicht von einigen regulatorischen Notstandsparagrafen. Dies führe dazu, dass sehr viel Sorgfalt, Expertenwissen und statistische Auswertungen in die Festlegung der Rechnungsgrundlagen und die Kalkulation einfließen müssten – immerhin müssten diese Grundannahmen zu auftretenden Schadenfällen über Jahre hinweg Bestand haben.


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