Der Ölpreis bestimmt den geldpolitischen Kurs der FED

Der Ölpreis bestimmt den geldpolitischen Kurs der FED. Das wäre vor wenigen Monaten noch undenkbar gewesen, insbesondere in dem Fall, dass der Ölpreis fällt.

Doch das neue Main-Stream-Thinking verteufelt sinkende Rohstoffpreise: In einem anhaltenden Verfall des Ölpreises wird inzwischen eine Bedrohung für die Weltkonjunktur gesehen, gepaart mit unerwünschten Deflationsrisiken. Dieses Gedankengut hat sich scheinbar auch die US-Notenbank mittlerweile zu Eigen gemacht und heute wie erwartet entschieden, die Leitzinsen erst einmal unverändert zu lassen.

Aus Anlegersicht ist diese Entwicklung positiv zu bewerten. Sie könnte an den extrem volatilen Finanzmärkten für etwas mehr Ruhe sorgen. Die Aktienmärkte werden zwar deshalb nicht in die Höhe rauschen, doch der Abwärtstrend könnte eingedämmt werden. Gleichzeitig wird klarer, wohin die Reise des US-Dollars tendiert. Er wird sich eben nicht mehr weiter massiv aufwerten, auch nicht gegen den Euro.

Aber wenn wir die Finanzmarktbrille ausziehen, ist das Spiel der FED durchaus gefährlich. Wir alle wissen, dass der Ölpreis nicht zuletzt aufgrund politischer Machtspiele sinkt. Die FED sollte deshalb diese Karte nicht spielen. Durch ihre Politik alimentiert sie letztendlich dieses Kräftemessen. Das aber ist nicht Sinn und Aufgabe der US-Geldpolitik.

Wie geht es weiter? Wir erwarten die Stabilisierung des Ölpreises beziehungsweise der Rohstoffpreise allgemein im Frühsommer des laufenden Jahres. Die FED wird ihren Zinsnormalisierungskurs daher wohl erst im Herbst 2016 fortsetzen. Möglicherweise gewinnt dann die Notenbankpolitik auf die Finanzmärkte wieder einen größeren Einfluss. Jetzt spielt der Ölpreis die dominierende Rolle. Die alte Formel, dass eine lockere Geldpolitik die Aktienmärkte beflügelt, gilt nicht mehr. Die neue Formel lautet: Steigende Rohstoffpreise helfen den Aktienkursen, die Notenbankpolitik ist nur schmückendes Beiwerk.

Autor: Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der TARGOBANK