Angriff auf den Kern?

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Jetzt wird es provokant! Die Versicherer entfernen sich immer weiter von einem grundlegenden Element der Versicherung – dem Solidaritätsprinzip. Gerade durch Digitalisierung und das Sammeln von Daten scheint immer mehr das individuelle Risiko zu zählen statt einer Vergemeinschaftung. Was sagt die Szene zu dieser These? Ein bekannter Kopf der Branche glaubt sogar, dass es in 100 Jahren keine Versicherungen mehr gibt.

Es begann im 14. Jahrhundert in Italien und schwappte Ende des 16. Jahrhunderts auch nach Deutschland herüber: die Seeverträge, die vielleicht erste richtig kaufmännische Versicherung. Sie sicherte Schiffe gegen Piratenüberfälle ab. Bei einem Angriff der Seeräuber bekam der Besitzer der Ware den Wert ersetzt aus dem Prämientopf, in den alle Versicherungsnehmer einzahlten. Schon von Anfang an gab es also das Solidaritätsprinzip – doch gerät es jetzt in Seenot?

„Das sehe ich nicht so“, sagt Robert Dickner, Leiter Produktmanagement Leben der VOLKSWOHL BUND Versicherungen. „Ohne das Grundprinzip Solidarität könnte es gar keine Versicherung geben.“ Am Beispiel einer Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) rechnet er vor, dass ein Einzelner unmöglich eine BU-Rente über 1.000 Euro mit einem Monatsbeitrag von 40 oder 50 Euro stemmen könnte. „Insbesondere, wenn der Schadenfall bald nach Abschluss der Versicherung eintritt.“ Gleichzeitig räumt er ein, in einzelnen Bereichen seien individuelle Einschätzungen immer wichtiger bei der Preisfindung. „Das ist ein Ergebnis des Wettbewerbs am Markt, und man muss nicht alles dabei gut finden.“ ERGO findet eine zunehmende Differenzierung sehr wohl gut und betont die darin liegenden Chancen. „Durch die Digitalisierung ergeben sich Möglichkeiten, noch besser auf Kundenwünsche und Kundenbedürfnisse eingehen zu können und damit auch Personen zu versichern, die bei einheitlichen Produkten kein passendes Produkt finden,“ analysiert Andrea Mondry, Mitglied des Vorstands der ERGO Versicherung AG. Aber auch sie hält daran fest: „Der Risikoausgleich im Kollektiv ist ein zentrales Element von Versicherungen.“ Oliver Pradetto, COO und Geschäftsführer von blau direkt, blickt nüchtern auf die Entwicklungen. „Versicherung ist ein Geschäftsmodell“, hält er fest. „Insofern ist es sowohl legitim als auch verständlich, dass Versicherungen sich in dem Spannungsfeld bewegen einerseits Versicherungen einfach zu halten und eine möglichst große Zielgruppe anzusprechen, andererseits aber unangenehme Risiken zu eliminieren und sich nur die wirtschaftlich attraktiven Rosinen aus dem Kuchen zu picken.“ Das Gesetz lässt dies allerdings nicht in jedem Bereich zu. Seit dem 21.12.2012 müssen Versicherer nämlich Unisex-Tarife anbieten. Laut Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) ist die vormals übliche Berücksichtigung des Geschlechts als „Risikofaktor“ in den Versicherungsverträgen eine unzulässige Diskriminierung. Vorbei also die Zeiten, in denen Männer höhere Beiträge für die Kfz-Versicherung zahlen, weil sie statistisch gesehen mehr Unfälle verursachen. Gleichzeitig keine Benachteiligung der Frauen bei der Absicherung von Krankheit, Alter oder Pflegebedürftigkeit, weil sie z. B. eine höhere Lebenserwartung haben.

Warum die Pflicht zu Unisex-Tarifen für alle Versicherten negative Folgen hat, lesen Sie auf Seite 2