Wann ist Telematik gerecht?

Welche Kundendaten dürfen den Versicherungstarif beeinflussen, welche nicht? / Foto: © rudall30-fotolia.com

Nach Ansicht der Versicherungsnehmer sollten Telematik-Tarife nur das Verhalten, nicht aber das Schicksal des Versicherten zum Maßstab nehmen. Für die Akzeptanz der Telematik-Tarife sind besonders monetäre Faktoren ausschlaggebend. Dass Telematik das Verhalten der Versicherten tatsächlich ändert, ist höchst fraglich

Immer mehr Versicherungen machen sich die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung zunutze und bieten Telematik-Tarife an. So können beispielsweise Autofahrer, die eine risikoscheue Fahrweise an den Tag legen, Rabatte bei der Kfz-Versicherung erhalten. Auch in der Krankenversicherung gewinnt die Möglichkeit an Bedeutung, Daten über das Verhalten von Menschen zu nutzen. Doch was halten die Versicherten von dieser Möglichkeit? Das herauszufinden war das Ziel der Studie “Geschäft oder Gewissen? Vom Auszug der Versicherung aus der Solidargemeinschaft” des Goslar Instituts, die Prof. Dr. Horst Müller-Peters vom Institut für Versicherungswesen der TH Köln gemeinsam mit Prof. Dr. Fred Wagner von der Universität Leipzig verfasst hat.

Telematik wird angenommen, aber mit Ausnahmen

Ein wesentliches Ergebnis der Studie ist, dass der Großteil der Befragten zwischen leicht beeinflussbaren und nur schwer veränderbaren Merkmalen unterscheidet. So ist für 60 % der Befragten gerecht, dass sich Verkehrsverstöße negativ auf die Prämien auswirken. Dagegen wird es als ungerecht wahrgenommen, wenn der Wohnort des Halters oder häufige Nachtfahrten die Versicherungsprämie beeinflussen. Ähnlich verhält es sich bei der Krankenversicherung: Während hier Tabak- und Alkoholkonsum als gerechte Merkmale empfunden werden, werden vererbte Krankheiten, genetisch bedingte Risiken oder der ausgeübte Beruf als ungerechte Merkmale für die Bestimmung der Versicherungsprämie empfunden. „Natürlich ist die Einschätzung von Gerechtigkeit höchst subjektiv. So halten es nur 13 %  der befragten Raucher für gerecht, wenn rauchende Versicherte einen Aufschlag bezahlen müssen, während über 70 %  der Nichtraucher dies gerecht finden“, gibt Müller-Peters zu bedenken. „Unsere Ergebnisse zeigen auch, dass die Versicherten bei der Krankenversicherung etwas skeptischer sind gegenüber telematischen Merkmalen, als bei der KFZ-Versicherung“, sagt Müller-Peters. Das korrespondiere mit ihren Bewertungen der verschiedenen Versicherungsbranchen: So halten es 68 % der Befragten für legitim, wenn eine Autoversicherung Gewinne erwirtschaftet, aber nur 36 % bei der gesetzlichen Krankenkasse.

Was macht Telematik attraktiv?

Nur wenige Unterschiede gibt es bei der Frage, ab welcher Ersparnis für den Versicherten ein Telematik-Tarif attraktiv wird: Sowohl bei der Krankenversicherung als auch bei der Kfz-Versicherung würden jeweils etwas mehr als 30 % einen Telematik-Tarif wählen, wenn sie dadurch 30 % Prämien einsparen können.  „Allerdings gibt es auch eine relativ große Gruppe, die unter keinen Umständen einen solchen Tarif abschließen würde: Bei der Kfz-Versicherung sind das 31 % bei der Krankenversicherung 38 % “, erläutert Müller-Peters.

Einen Stecker im Zigarettenanzünder ist das Aufzeichnungsgerät, das sich die meisten Autofahrer als Aufzeichnungsinstrument vorstellen können (39 %), knapp vor einer Box im Motorraum (35 %). Interessenten von Telematik-Krankenversicherungstarifen würden am liebsten ihr Aufzeichnungsinstrument am Arm tragen. So sprachen sich 53 % für ein Fitnessarmband und 45 % für eine intelligente Armbanduhr aus. Erstaunlich: 12 % wären sogar bereit, sich für einen Telematik-Tarif einen Chip unter die Haut einpflanzen zu lassen.

Führt Telematik wirklich zu Verhaltensänderung?

Die meisten Befragten sind sich dahingehend einig, dass von Telematik auch die Versicherer selbst profitieren könnten, da diese dann weniger Schäden zu begleichen hätten – was wiederum den Versicherten in Form geringerer Prämien zugutekommen würde. So glauben 70 %, dass Autofahrer mit einem entsprechenden Telematik-Tarif vorsichtiger fahren würden. Immerhin 67 % glauben, dass Telematik-Tarife in der Krankenversicherung zu einem gesundheitsbewussteren Verhalten führen würden. Erstaunlich: Nur 48 % glauben, dass sie selbst bei einem Telematik-Tarif in der KFZ-Versicherung vorsichtiger fahren würden und nur 46 % glauben an eine gesundheitsbewusstere Lebensweise, wenn sie einen telematischen Krankenversicherungstarif hätten. „Wenn wir davon ausgehen, dass sich durch Telematik-Tarife das Verhalten positiv verändert, sinken auf lange Sicht die Versicherungskosten und die Versicherer werden ihre Tarife entsprechend anpassen. Allerdings müssen wir annehmen, dass vor allem diejenigen wechseln, die davon profitieren. Übrig bleibt eine Negativselektion an Versicherungsnehmern, für die – wenn sich Telematik-Tarife sehr stark verbreiten – die Kosten auch steigen können“, so Müller-Peters. (ahu)

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