Konjunktur und BREXIT-Sorgen

Stammhaus der Weberbank Berlin-Wilmersdorf

Schon wieder droht ein EXIT! Langsam wird es zu einer schlechten Angewohnheit, im Juni eines jeden Jahres den Ausstieg (englisch: Exit) eines europäischen Landes aus dem Staatenverbund zu thematisieren.

Fast zur gleichen Zeit im letzten Jahr rätselten die Marktteilnehmer über die Folgen eines GREXITS, dem Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone. Die Unsicherheit über die Folgen war groß, und die Kapitalmärkte reagierten entsprechend verschnupft. Zwar wären die Ursachen und Folgen eines britischen Ausscheidens aus der Europäischen Union andere, die Reaktionen der Kapitalmärkte ähneln denen des letzten Jahres jedoch stark. Vor allem die Unsicherheit ist Gift für die Märkte. Diese wurde zuletzt erneut geschürt, da Umfragen die Befürworter eines Austritts wieder leicht vorne sahen. Bis zum britischen Referendum am 23. Juni 2016 ist mit erhöhter medialer Aufmerksamkeit zu rechnen. Das wird zwangsläufig zu stärkeren Schwankungen an den Kapitalmärkten beitragen. In der letzten Ausgabe von „Finanzmarkt aktuell“ schilderten wir bereits detailliert unsere Erwartungen. Unser Hauptszenario ist der Verbleib Großbritanniens in der EU. Das Ereignisrisiko eines Austritts bleibt jedoch vorhanden. Abseits dessen stimmen die volkswirtschaftlichen Rahmendaten zuversichtlich. Die europäischen Frühindikatoren signalisieren einen robusten Wachstumspfad. Auch in China deutet vieles auf eine stabile wirtschaftliche Entwicklung hin. Die Flucht in sichere Häfen prägte das Bild der letzten Wochen. So erreichten deutsche Papiere neue Renditetiefstände, und 10-jährige deutsche Staatsanleihen notierten erstmals in ihrer Geschichte mit negativen Renditen. In der Schweiz ist das mittlerweile ein gewohntes Bild, für uns Deutsche wirkt es jedoch überaus befremdlich. Schweizer Anleger müssen mittlerweile bereit sein, dem Staat für mehr als 25 Jahre Geld zu leihen, um überhaupt noch positive Renditen zu erhalten. Die Entwicklung in Deutschland sorgt auch bei der EZB für Probleme bei der Durchführung des Anleihekaufprogramms. Sollten die Renditen der Bundesanleihen weiter sinken, dürften bald nur noch wenige deutsche Schuldtitel die EZB-Kriterien erfüllen. Nur solche Anleihen mit Laufzeiten von zwei bis 30 Jahren, deren Rendite nicht unter dem aktuellen Einlagensatz von minus 0,4 Prozent liegen, erfüllen die Voraussetzungen für das EZB-Programm. Aktuell liegt die Rendite von rund 50 Prozent aller deutschen Staatsanleihen unter diesem Mindestzins. Entweder ändert die EZB die Rahmenbedingungen ihres Kaufprogramms oder sie muss über Umfang bzw. Dauer nachdenken. Zeitgleich könnte in der zweiten Jahreshälfte die Inflation beginnen zu steigen. Sollten sich die Rohstoffpreise auf dem aktuellen Niveau halten, könnte die Preissteigerungsrate wieder Richtung 2 Prozent anwachsen. Wir sehen daher in der zweiten Jahreshälte die Gefahr steigender Renditen und damit einhergehend Kursrückgänge bei festverzinslichen Papieren. Noch überlagert die BREXIT-Debatte diese Entwicklung, die Gefahren wachsen hier jedoch unserer Meinung nach und mahnen zur Vorsicht bei Papieren mit langer Restlaufzeit. Am Aktienmarkt zeigt sich ein paradoxes Bild. Aktien der Eurozone verloren seit Monatsbeginn deutlich mehr als ihre britischen Pendants in Heimatwährung. Reagieren die Briten also besonnener auf die BREXIT-Sorgen als die restlichen Europäer? Es liegt wohl eher daran, dass internationale Großinvestoren pauschal ihr Engagement in Europa zurückfahren, das in den letzten Jahren vor allem stark in der Eurozone aufgebaut worden war. Auch sind Derivate für den Euroraum, die zur Absicherung verwendet werden, liquider und somit besser zu handeln als für den britischen Markt. Das britische Pfund verlor jedoch deutlich gegenüber dem Euro und machte jegliche relative Stärke der Aktien zunichte. Den Fels in der Brandung stellen die USA dar. Der US-Aktienmarkt zeigt sich seit Anfang Juni fast unverändert. Das Verhalten ist im historischen Kontext sehr typisch für Unsicherheitsphasen und hat uns auch dazu bewogen, die US-Gewichtung in den Vermögensverwaltungsmandaten deutlich zu erhöhen. Unternehmensmeldungen treten in diesem Umfeld zwar in den Hintergrund, trotzdem ist es beruhigend, dass sich die Gewinnschätzungen stabilisiert haben und in den USA beispielsweise schon wieder das Niveau vom Jahresbeginn erreichen konnten. Wenn die Unsicherheit gewichen ist, wird man sich wieder stärker auf diese Trends konzentrieren. Gold war der Gewinner der letzten Wochen. Das Edelmetall verzeichnete erhöhte Nachfrage und nähert sich langsam den Jahreshöchstständen. Krisenängste, Zweifel an der Politik der Notenbanken und die Suche nach Anlagealternativen lockten Investoren. Wir erachten Gold weiterhin als attraktive Ergänzung eines gut aufgestellten Portfolios.

Autor des Kommentars der Weberbank vom 17. Juni 2016 ist Daniel Schär, CFA