Der letzte Tanz

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Einmal ist alles vorbei. Das gilt scheinbar auch für die klassische Lebensversicherung, von den Deutschen geliebt wie das Eigenheim und das Auto. Doch weil Niedrigzins und Zinszusatzreserve sowie Solvency II die Versicherer verunsichern, sollen die Deutschen künftig verstärkt in Fonds investieren. Beim nächsten Börsenabschwung brauchen Makler aber die richtigen Argumente.

Die deutschen Versicherer entfernen sich – Gesellschaft für Gesellschaft – immer stärker von der klassischen Lebensversicherung. ERGO, Generali, Talanx und Zurich sind in diesem Segment gar nicht mehr aktiv, und auch die Allianz will die konventionellen Angebote künftig nur noch selektiv eingesetzt sehen (s. hierzu auch Interview auf S. 64/65). Sie schafft diese Policen zwar nicht generell ab, setzt im Vertrieb aber verstärkt auf kapitalmarktnahe Konzepte, teilweise abgesichert über den eigenen Deckungsstock. Und auch bei der LV 1871 gibt es Überlegungen in diese Richtung, wie Dr. Klaus Math, Vorstand Produkte, Versicherungstechnik und IT des Unternehmens erklärt: „Aufgrund der hohen Solvabilität der LV 1871 ist dies für viele Jahre sicher keine Frage des ‚Könnens‘. Die Anforderungen aus Solvency II treiben die Anbieter jedoch schon aus Kapitaleffizienzgründen in neuartige Garantieformen. Wir wollen hier aber nicht kurzfristig agieren.“

Wegen der Zuführung zur Zinszusatzreserve
drückt auch der Schuh.

Unlängst hatte die BaFin noch Hoffnungen zunichte gemacht, hier könne es Erleichterungen geben. Doch sie will „die Spielräume auf untergesetzlicher Ebene“ ausnutzen, „um den Lebensversicherern den Aufbau der Zinszusatzreserve sowie die Dotierung der Zinsverstärkung zu erleichtern“. Storno- und Kapitalwahrscheinlichkeiten könnten in diesem Kontext realitätsnaher berücksichtigt werden. Dennoch drängt sich unwillkürlich die Frage auf, welche Rolle die klassische Lebensversicherung marktweit künftig überhaupt noch spielen wird. Hans-Theo Franken, Mitglied des Vorstands der Deutschen Vermögensberatung AG, ist da eher skeptisch: „Die steigenden Anforderungen, die mit der zunehmenden Lebenserwartung der Menschen einhergehen, werden die gesetzlichen Renten -und Krankenversicherungen in Zukunft vor noch größere Herausforderungen stellen. Der Absicherungsbedarf des Einzelnen wächst, und es stellt sich die Frage nach passenden Finanzkonzepten.“ Dem Niedrigzinsumfeld, mit dem der Kapitalanleger aktuell und in den nächsten Jahren konfrontiert werde, lasse sich nur mit flexiblen Produkten und entsprechender renditeorientierter Anlage in Aktienfonds entgegenwirken. Franken: „Hinzu kommt, dass neben der Vermögensbildung und Altersvorsorge die Risikoabsicherung bei Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit, bei Tod oder schwerer Krankheit nur mit einer Lebensversicherung darstellbar ist.“

Doch was passiert im fondsgebundenen Bereich,
bei dem die Kunden einen großen Teil des Kapitalrisikos
tragen, wenn die Börse einmal einbricht?

In der Vergangenheit hatte sich dies stets deutlich negativ auf den Vertriebsumsatz ausgewirkt. Gert Wagner, Bereichsleiter Produktmanagement Swiss Life Deutschland, hält den Blick nach hinten für verfehlt: „In der Vergangenheit konnte man tatsächlich branchenweit beobachten, dass nach einbrechenden Börsenkursen auch der Absatz von fondsgebundenen Versicherungen zurückging. Das lag unter anderem daran, dass Fondspolicen damals fast gar keine tariflichen Möglichkeiten anboten, um Börsenschwankungen abzufedern.“ Heute sei die Situation grundlegend anders: Das Fondspolicen-Angebot habe sich insgesamt sehr stark und positiv weiterentwickelt. Wagner: „Das können wir konkret an unserer Produktfamilie Swiss Life Maximo verdeutlichen. Hier bieten wir neben einer variabel wählbaren Erlebensfallgarantie ein vielfältiges Instrumentarium an, um starken Börsenschwankungen wirksam zu begegnen.“ Mit diesen Zusatzleistungen könne der Versicherer Börsenschwankungen gezielt abfedern, ohne dass Vermittler und Kunden dabei überhaupt selbst aktiv werden müssten. Klaus-Peter Klapper, Leiter Produkt- und Vertriebsmarketing der Stuttgarter Lebensversicherung a.G., sieht das ähnlich: „Kunden reagieren generell sensibel auf starke Schwankungen an den Kapitalmärkten. Bei einem angenommenen Einbruch der Börse könnte das Interesse an fondsgebundenen Produkten deshalb kurzfristig abnehmen. Die Vergangenheit hat aber gezeigt, dass solche Ereignisse nur für kurze Zeit Einfluss auf das Kundenverhalten nehmen.“

Langfristig dürfte sich die Nachfrage nach
einer fondsgebundenen Altersvorsorge kaum ändern.

Denn auch ein Börseneinbruch wirke sich nicht zwangsläufig negativ auf die Altersvorsorge aus. Das hat in der Tat verschiedene Gründe. Die drei wichtigsten: Erstens sparen die meisten Kunden regelmäßig mit einem kleinen, monatlichen Beitrag. Nach einem Börsencrash und entsprechend niedrigen Kursen können sie mit ihrem Beitrag viele Fondsanteile zu günstigen Preisen erwerben. Für lang laufende Vorsorgeverträge kann das sogar positive Effekte haben. Zweitens enthalten die meisten verkauften Fondspolicen eine Garantiekomponente. Um diese Garantie zu stützen, legen Versicherer in schlechten Marktszenarien die Sparanteile der Kunden eher defensiv an. Aus diesem Grund sind solche Verträge nur begrenzt von einem möglichen Börseneinbruch betroffen. Und drittens bieten gute Versicherer dem Sparer ein ausgewogenes Fondsportfolio an, um Risiken zu minimieren. Klapper: „In unserem Fondsuniversum stellen wir eine Vielzahl aktiv gemanagter Mischfonds zur Auswahl.“ Das sind Fonds mit einem vermögensverwaltenden Ansatz, die in extremen Marktsituationen flexibel reagieren. Damit federn professionelle Vermögensverwalter die möglichen negativen Auswirkungen eines Börsenabsturzes für den Kunden deutlich ab. Darüber hinaus verfügen Kunden über intelligente Investment-Tools. Diese erlauben ihnen während der Vertragsdauer, das Fondsguthaben in sicherheitsorientiertere und weniger volatile Fonds zu wechseln. Klapper sagt aber auch: „Kunden, die keinerlei Risiken eingehen möchten, bieten wir bereits heute attraktive klassische Vorsorgelösungen an. Für den Fall, dass in Zukunft die Nachfrage nach fondsgebundenen Produkten bedeutend zurückgehen sollte, stehen diese Angebote selbstverständlich weiterhin offen.“ (hwt)

Printausgabe 06/2015