Sollten Anleger die D-Mark abstoßen?

Paul Donovan / Foto: © UBS

Die französische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen hat sich für einen Austritt Frankreichs aus dem Euro ausgesprochen (wobei die Frage des Wann und Wie noch offen ist). Das niederländische Parlament prüft zurzeit Kosten und Nutzen der Euro-Mitgliedschaft. Vor dem Hintergrund dieser existenziellen Debatte schätzen Ausländer eine deutsche Währung nach der Abschaffung des Euro stärker ein als eine französische.

UBS geht nicht von einem Zerfall des Euro aus. Sollte es allerdings zu einem vollständigen Auseinanderbrechen der gemeinsamen Währung kommen (dass der Euro also abgeschafft und durch nationale Währungen ersetzt wird), dann wären Ausländer schlecht beraten anzunehmen, dass deutsches Bargeld im Verlauf dieses Prozesses eine garantiert sichere Wertanlage wäre. Die Vergangenheit und die wirtschaftliche Logik lassen darauf schließen, dass ausländische Anleger mit deutschen Cash-Positionen Geld verlieren dürften und auch bei anderen deutschen Anlageformen die Gefahr eines solchen Verlusts bestünde.

Kapitalflüsse von Anlegern

Der Zerfall einer Währungsunion ist aus wirtschaftlicher Sicht kein unbedeutendes Ereignis. Parallelen gibt es kaum – im Hinblick auf die wirtschaftliche Tragweite käme eine Hyperinflation diesem Szenario wahrscheinlich am nächsten. Hyperinflation hat ähnlich vernichtende Auswirkungen auf die Wahrnehmung einer Währung als Zufluchtsort. Die Folgen des Auseinanderbrechens einer Währungsunion anhand konventioneller Annahmen zu Reaktionen und rechtlichen Aspekten zu beurteilen ist schwierig.

Bei jedem Zusammenbruch eines wichtigen Währungssystems im 20. Jahrhundert gab es im Vorfeld massive Geldbewegungen. Der Zerfall wird normalerweise dadurch ausgelöst, dass heimische Anleger Bankeinlagen abziehen. Die Zweifel Le Pens in Bezug auf die Mitgliedschaft Frankreichs im Euro könnten zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden, sollten Anleger Euro-Guthaben aus dem französischen Bankensystem herausnehmen und entweder in Banknoten oder als Einlagen in anderen Ländern der Eurozone halten. Ein Ansturm auf die Banken infolge der Sorge, dass aus dem Euro in Frankreich ein schwächerer Franc wird, könnte Kapitalverkehrs- und Grenzkontrollen zur Folge haben und Frankreich zwingen, aus dem Euro auszusteigen. Die Politik mag die Gründe für das Auseinanderbrechen einer Währungsunion liefern, aber sie kontrolliert nur in sehr seltenen Fällen den Zerfallsprozess; dieser wird durch den Ansturm auf die Banken bestimmt.

In der Vergangenheit ist das Geld dann jeweils in das Land geflossen, das als stärkster Nachfolger der Währungsunion galt. In den Jahren 1920 und 1921 strömte es mit dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Währungsunion nach Ungarn und Rumänien, die als die stärksten Nachfolgerstaaten betrachtet wurden. 1932 kam es zu einem starken Zufluss von Bankeinlagen nach New York, dem vermeintlich sichersten Teil des im Zusammenbruch befindlichen US-Währungssystems. Im Jahr 1992 schichteten Bankkunden ihre Einlagen von slowakischen in tschechische Banken um, weil sie mit einer Schwächung der slowakischen Währung rechneten. Ebenfalls 1992 kam es zu Kapitalabflüssen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Russland. Es gibt vereinzelt Hinweise darauf, dass vor dem Unabhängigkeitsreferendum 2014 aufgrund von Sorgen um die Integrität der angloschottischen Währungsunion Einlagen von Schottland nach England verlagert wurden.

Mit der Umschichtung von französischem in deutsches Bargeld wiederholt sich schlichtweg die Geschichte früherer Zerfallsprozesse. Europäische Sparer könnten glauben, dass sie sich in der vorteilhaften Lage befinden, weiterhin ihre Rechnungen ohne Währungsrisiko in Euro begleichen zu können, solange der Euro überlebt, gleichzeitig aber das Risiko der Wiedereinführung ihrer nationalen Währung abgesichert haben. Allerdings signalisiert die Vergangenheit auch Probleme für Deutschland, und darauf sollten sich Anleger einstellen.

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