Quo vadis, internationale Finanzmärkte?

Olgerd Eichler, Lead Portfoliomanager des MainFirst Top European Ideas Fund und MainFirst Germany Fund, Tim Bröning, Mitglied der Geschäftsleitung, Fonds Finanz Maklerservice GmbH und Dr. Ulrich Kaffarnik, Mitglied des Vorstandes, DJE Kapital (v. li. nach re.) / Fotos © MainFirst/ Fonds Finanz / DJE Kapital

Die Corona-Pandemie und das Runterfahren der Wirtschaft waren eine Zäsur. Sie haben die Menschen, deren Verhalten und nicht zuletzt die internationalen Finanzmärkte verändert. Nachhaltig. Zur wirtschaftlichen Ankurbelung tun Politik und Notenbanker weiterhin alles. Zumindest zu Beginn des 2. Halbjahres sind manche Ampeln nicht mehr auf Rot. Die Aktienmärkte haben sich erholt. Doch ist das wirklich von Dauer? Auf welche regionalen und sektoralen Schwerpunkte sollten Sie jetzt Ihre Kunden hinweisen? Damit befasste sich eine finanzwelt-Expertenrunde Anfang Juli 2020 mit Tim Bröning, Mitglied der Geschäftsleitung, Fonds Finanz Maklerservice GmbH, Olgerd Eichler, Lead Portfoliomanager des MainFirst Top European Ideas Fund und MainFirst Germany Fund und Dr. Ulrich Kaffarnik, Mitglied des Vorstands, DJE Kapital AG.

finanzwelt: Dem Absturz an den Kapitalmärkten folgte eine erstaunlich rasche Erholung. Welche Treiber mach(t)en Sie für die starke Aufholbewegung aus?

Dr. Ulrich Kaffarnik: Tatsächlich sahen wir im März 2020 die schwärzesten Tage seit der großen Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09. Insbesondere die Geschwindigkeit des Abverkaufs war rasanter als jemals zuvor. Das gilt aber auch für die Erholungsbewegung, die wir im Anschluss erlebt haben. So legten die globalen Aktienmärkte im 2. Quartal deutlich zu. Die Gründe dafür liegen vor allem in einer bisher noch nie dagewesenen Geldmengenausweitung, weiteren geldpolitischen Maßnahmen und der Konjunkturpakete. Diese in der Summe nahezu unvorstellbaren finanziellen Mittel haben bei vielen Investoren die Hoffnung auf eine baldige Konjunkturerholung genährt. Zudem ist dieser erstaunliche Recovery an den Märkten wohl ganz entscheidend auf das Handeln von Investoren zurückzuführen, die zuvor auf fallende Kurse spekulierten und nun gegensteuern mussten. Tim Bröning: Dem stimme ich zu und ergänze, dass Privatanleger aus den USA für den Anstieg eine zusätzliche Rolle gespielt haben könnten. Bei ihnen ist eine regelrechte Trading-Euphorie ausgebrochen. Während sich die Depoteröffnungen bei vielen US-Brokern seit März mehr als verdoppelten, waren US-Anleger in den vergangenen sieben Jahren noch nie so optimistisch. In Verbindung mit der rückläufigen Marktvolatilität könnten Algo-Trader das Kursmomentum genutzt und verstärkt haben.

finanzwelt: Welche Erwartungen hegen Sie für die Entwicklung der internationalen Aktienmärkte in den kommenden Monaten?

Bröning: Nach der starken und für viele Marktteilnehmer in diesem Ausmaß unerwarteten Erholung der globalen Aktienmärkte seit Mitte März, gehen wir von einem schwächeren 3. Quartal aus. Die V-förmige Erholung der großen Aktienmärkte erscheint trotz der enormen und historisch einmaligen schuldenfinanzierten Rettungspakete der Regierungen und Zentralbanken als nicht gerechtfertigt. Wir rechnen im 3. Quartal zwar nicht mit einem erneuten Börsenabsturz wie im Frühjahr, sehen aber das Potenzial kurzfristig als begrenzt an.
Olgerd Eichler: Wir sehen eine wesentliche Verbesserung der Situation im Vergleich zu den letzten drei bis vier Monaten. Die Erholung war zwar stark, doch sind immer noch viele Anleger an der Seitenlinie positioniert und warten auf tiefere Kurse. Auf kurze Sicht sind wohl die meisten Investoren gespannt auf die Berichterstattungen zum 2. Quartal. Diese sollten umsatzseitig verheerend ausfallen. Hier könnte es jedoch unseres Erachtens – und entgegen aller Befürchtungen – sogar viele positive Überraschungen bei den Unternehmensergebnissen geben, insbesondere bedingt durch schnell vollzogene, massive Kosteneinsparungen der Firmen. Insgesamt wird der Markt auch in den nächsten Monaten von negativen Nachrichten rund um Corona und den entsprechenden Interventionen von Notenbanken und Regierungen beeinflusst sein. Diese sind sich ihrer Verantwortung bewusst und werden alles Erdenkliche unternehmen, die Wirtschaft und damit auch die Börsen anzukurbeln.

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