Jeder Vierte in Rechtsstreit verwickelt

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Deutschland wird gerne als „Land der Dichter und Denker“ bezeichnet. Wenn man sich den aktuellen Streitatlas der Generali anschaut, könnte man es auch das „Land der Streiter und Zanker“ nennen. So unterschiedlich wie die Streitgründer sind auch die regionalen und geschlechtlichen Ausprägungen der Streitigkeiten.

Liegt es daran, dass die Gerichte hierzulande chronisch überlastet sind und der Rechtsweg deshalb eher einem Schleichweg als einer Autobahn gleicht? Oder ist der Grund vielmehr, dass die Differenzen zwischen den Parteien so groß sind, dass eine Einigung bzw. Entscheidung langwierig ist und sich zudem oft über mehrere Instanzen hinzieht? Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem. Fakt ist jedenfalls, dass 48 % aller Rechtsstreitigkeiten in Deutschland mindestens ein Jahr dauern, 4,5 Prozentpunkte mehr als noch vor zwei Jahren. Das geht aus „Deutschlands großem Streitatlas“ hervor, den die Generali Deutschland auf Basis der Daten ihres Rechtsschutzversicherers Advocard alle zwei Jahre durchführt und dabei einen bundesweiten Einblick in die Streitkultur bietet.

Nicht nur die Dauer der Rechtsstreitigkeiten, auch die Werte, um die es dabei geht, nimmt immer mehr zu. Inzwischen geht es bei mehr als jedem zehnten Streit um mehr als 10.000 Euro, ein Anstieg um 2,8 Prozentpunkte gegenüber dem Streitatlas von 2017. Gleichzeitig hat der Anteil der Auseinandersetzungen mit Streitwerten von unter 2.000 Euro um 3,1 Prozentpunkte abgenommen. „Unserer Erfahrung nach können die Verfahrenskosten ein Vielfaches des eigentlichen Streitwerts ausmachen. Daher ist es sinnvoll, so früh wie möglich eine einvernehmliche Einigung anzustreben – manchmal funktioniert es sogar, eine neutrale Person als Vermittler, beispielsweise einen Mediator, hinzuzuziehen und Streitigkeiten schnell abzuwenden“, rät Peter Stahl, Vorstandssprecher der Advocard.

Enges Zusammenleben fordert Streit

Auf 100 Einwohner entfallen statistisch gesehen 24,7 Rechtsstreitigkeiten, was bedeutet, dass jeder vierte Deutsche in Rechtsstreitigkeiten verwickelt ist. Seit Beginn der Untersuchung belegen Berlin und Hamburg beim Vergleich der Bundesländer die ersten beiden Plätze und verteidigen diese auch in diesem Jahr: So entfallen auf 100 Berliner 29,2 Streitfälle, auf 100 Hamburger 28,8 Streitfälle. Immerhin: In Berlin ist die Zahl der Streitfälle seit 2016 um 2 pro Einwohner gesunken. „Viele Menschen auf vergleichsweise engem Raum steigern die Wahrscheinlichkeit, dass mehr Konflikte entstehen“, so die Erklärung von Peter Stahl, warum die beiden größten deutschen Städte und Stadtstaaten auch die Bundesländerstatistik der Streitfälle anführen. Dazu passt auch, dass das sehr urban geprägt Nordrhein-Westfalen mit 28,2 Streitfällen pro 100 Einwohner ebenfalls deutlich über dem Bundesdurchschnitt liegt, während das sehr dünn besiedelte und ländlich geprägte Mecklenburg-Vorpommern mit 23,8 Streitfällen pro 100 Einwohner den Schnitt nach unten zieht. Wenn die drei Stadtstaaten außen vor gelassen werden, befinden sich unter den Top-10 Streitstädten mit über 300.000 Einwohnern gleich sieben in NRW. Wenig verwunderlich, liegen von den 22 deutschen Städten in dieser Größenordnung doch gleich 10 im bevölkerungsreichsten Bundessland. Auch befindet sich hier mit Köln, wo auf 100 Einwohner 32,2 Streitfälle kommen, Deutschlands „Streithauptstadt“. Auch weiter rheinaufwärts zeigt man sich in letzter Zeit zunehmend streitfreudig: So hat in Bonn die Anzahl der Rechtsstreitigkeiten seit 2016 mit 0,8 % am stärksten zugenommen.

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