Geldschwemme = Inflation?

Rui Soares, Investment Professional bei der FAM Frankfurt Asset Management AG in Frankfurt am Main / Foto: © FAM

Vieles dreht sich aktuell um das Thema „Geldwertstabilität“. In Anbetracht der rekordhohen Rettungsprogramme praktisch aller Regierungen und der massiven Ausweitung der Zentralbankbilanzen bei gleichzeitig schrumpfendem Bruttoinlandsprodukt (BIP) klingt es auf den ersten Blick logisch, dass die Kaufkraft des Geldes abnehmen muss.

Seit Ausbruch der Corona-Krise haben Politik und Notenbanken über zwölf Billionen US-Dollar an zusätzlichen Mitteln bereitgestellt, um die wirtschaftlichen Folgen der Lockdowns und sonstiger Einschränkungen abzumildern. Im Vergleich zur letzten großen Rezession (2008/2009) investierten die meisten Länder bislang das Zehnfache der damaligen Summe (in Prozent des BIP) für die Rettungsaktionen, was bisher jedoch keineswegs zu höheren Verbraucherpreisen (Inflation) geführt hat. Ganz im Gegenteil war die Inflationsrate in Europa jüngst sogar drei Monate in Folge rückläufig, zuletzt lag sie bei minus 0,3 Prozent. Somit scheint aktuell eher eine Deflation zu drohen.

Verbraucherpreise versus Assetpreise

Zunächst ist es wichtig, zwischen der Verbraucherpreis- Inflation (= die gängige Definition des Begriffs „Inflation“) und der Preissteigerung bei Sachvermögen (sog. „Asset Price Inflation“) zu unterscheiden. Im Folgenden soll ausschließlich auf die Verbraucherpreis-Inflation und ihre mögliche zukünftige Entwicklung eingegangen werden. Das Phänomen der Asset Price Inflation dürfte ohnehin recht unstrittig sein: Aktien, Wohnimmobilien, Kunst, Oldtimer etc. befinden sich bekanntlich seit Jahren im Höhenflug.

Geldschwemme allein kein Faktor

Als zweites stellt sich die Frage, welche Faktoren die entscheidenden Auslöser für eine wirklich hohe Inflation sein können. Eine „Geldschwemme“, wie sie die ganze Welt momentan erlebt, ist – zumindest für sich genommen – kein solcher Faktor. Ablesen lässt sich dies am Beispiel Japans, wo sich die Bilanzsummen der Bank of Japan (BoJ) gemessen in Prozent des BIP innerhalb der letzten zehn Jahre in etwa vervierfacht hat. Trotz dieser massiven Ausweitung der Geldmenge befindet sich das Land der aufgehenden Sonne permanent am Rande einer Deflation.

Zwischenfazit: Eine expansive Geld- und Fiskalpolitik kann in der Tat zu einer Steigerung der aggregierten Nachfrage führen, welche die Produktionskapazität eines Landes (aggregiertes Angebot) übersteigt. Für einen deutlichen Anstieg der Inflation ist ein Nachfrageüberschuss gegenüber der lokalen Produktionskapazität aber keine ausreichende Bedingung. Damit es zu einer signifikanten Inflationssteigerung kommt, darf die zusätzliche Binnennachfrage nicht von Extra-Importen zu stabilen Preisen erfüllt werden können. Nur dann kommt es zu Inflationsdruck. Und dies kann nur passieren, wenn die lokale Währung signifikant abwertet.

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