Die Aktienmärkte zwischen heute und morgen

Didier Saint-Georges, Mitglied des Investmentkomitees und Managing Director bei Carmignac / Foto: © Carmignac

Didier Saint-Georges, Mitglied des strategischen Investmentkomitees bei Carmignac, analysiert in einem Marktkommentar den Zusammenhang zwischen der Verlaufskurve an den Aktienmärkten und dem realen Wirtschaftsgeschehen. Zentrale Erkenntnis ist, dass eine durch massive Geldflut angeheizte Hausse auf Dauer nicht belastbar ist und folglich ihre Grenzen erreichen wird.

Einige Experten scheinen überrascht zu sein, wie robust sich die Aktienmärkte angesichts der Bedrohung des Wirtschaftswachstums durch den Ausbruch des Coronavirus zeigen. Um dieses scheinbare Paradoxon zu erklären, bietet sich ein kurzer Überblick über das allgemeine Investitionsumfeld an. Es ist heute allgemein bekannt, dass die Politik der Zentralbanken zur Bekämpfung der Deflationsgefahr seit der Finanzkrise von 2008 zwar nur geringe Auswirkungen auf die BIP-Wachstumsraten hatte, dem Aktienmarkt aber einen historisch einmaligen Auftrieb beschert hat. Egal, ob Sie es als „finanzielle Repression“ ablehnen, wie es viele in Europa tun, oder ob Sie den eher fachsprachlich gebräuchlichen Begriff „quantitative Lockerung“ verwenden, die beispiellose Intervention der Zentralbanken über mehr als ein Jahrzehnt hat die Finanzierungskosten für die Privatwirtschaft sicherlich gesenkt. Aber die bloße geldpolitische Belebung hat sich aufgrund der unzureichenden Nachfrage als unfähig erwiesen, die Investitionstätigkeit anzukurbeln. Und wie jeder weiß, bedeutet keine Investition kein Wachstum. Da diese Politik jedoch die Renditen der am wenigsten risikoreichen, festverzinslichen Wertpapiere unerbittlich nach unten treibt, hat diese die Anleger zum Kauf risikoreicherer Anlagen, vor allem Aktien und Unternehmensanleihen, ermutigt. Das Ergebnis war ein recht ungesunder Kreislauf: Das anhaltende Unvermögen der Zentralbanken, den Abwärtstrend des BIP-Wachstums und der Inflation einzudämmen, hat sie dazu bewogen, an einer unkonventionellen Geldpolitik festzuhalten – was wiederum die Börse in Schwung gehalten hat. Noch schlimmer ist, dass die entwickelten Volkswirtschaften so „finanzialisiert“ geworden sind, dass sie nun an steigende Finanzmärkte gefesselt sind. Das erklärt, warum die Zentralbanker so wenig Bedenken haben, diesen Märkten unter die Arme zu greifen. Den Anlegern wurde damit suggeriert, wirtschaftliche Rückschläge jeder Art in Kauf zu nehmen. Der wirtschaftliche Schaden, der durch die drastische Reaktion in China und anderswo auf die drohende Ausbreitung des Coronavirus verursacht wurde, ist nur das jüngste Beispiel.

Ein genauerer Blick auf den allgemeinen Stand der Dinge kann zusätzliche Erkenntnisse über das aktuelle Marktverhalten liefern.

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