„Zurückhaltung bleibt die oberste Devise im laufenden Bullenmarkt“

Torsten Reidel, Geschäftsführer Grüner Fisher Investments / Foto: © Grüner Fisher Investments

Das Coronavirus hat die Börsen mittlerweile mehr oder weniger fest im Griff. Es bleibt abzuwarten, wie lange dieser Schrecken anhält. Dann könnten wieder die Fundamentaldaten in den Fokus des Geschehens rücken. Dies gilt auch für den US-Aktienmarkt, der in den vergangenen Jahren eindrucksvoll gelaufen ist. Insbesondere die Tech-Werte wie eine Amazon oder Google. Welche Opportunitäten der US-Markt im laufenden Jahr bietet, darüber sprachen wir im finanzwelt-Interview mit Torsten Reidel, Geschäftsführer von Grüner Fisher Investments.

finanzwelt: Mit Blick auf die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen im Herbst, in welcher Verfassung präsentiert sich aktuell die US-Wirtschaft?

Reidel: Insgesamt erwarten wir nicht, dass sich das Wirtschaftswachstum signifikant beschleunigt, im bestehenden Umfeld jedoch das Szenario weiterhin einer „Goldilocks Economy“ ähnelt. Gutes Wirtschaftswachstum mit guten Unternehmensgewinnen ist ein passendes Basisszenario für gute Aktienmärkte. Viele sehen die Jahrzehnte andauernde Expansionsbewegung in den USA am Ende angelangt – vor allem durch die Arbeitsmarktbedingungen, welche scheinbar kein Wachstumspotential mehr zulassen. Kritiker beziehen sich dabei auf die Arbeitslosenquote, die ein 50-Jahres-Tief erreicht hat. Dabei ignorieren sie einen anderen Schlüsselfaktor: Die Erwerbsquote. Diese liegt aktuell bei ca. 63 %. Damit offenbart sich am Arbeitsmarkt eine im Schatten liegende Arbeitskraft, die von der offiziellen Arbeitslosenquote gar nicht erfasst wird. Arbeitsmarktdaten sind im Vergleich zum Wirtschaftswachstum und den Aktienmarktdaten „verzögert“, weshalb sie für Zukunftsprognosen nur bedingt hilfreich sind. Dennoch beeinflussen Sie die Marktstimmung und bergen genügend Potential, um zu einem wachsenden Optimismus beizutragen – vor allem sind sie aber keineswegs der Beleg für eine mögliche Perspektivlosigkeit, wenn es um Wachstumschancen in der nahen Zukunft geht.

finanzwelt: Wie schätzen Sie die Politik der Federal Reserve gegenwärtig ein?

Reidel: Mit dem Konzept der QE-Programme sowie negativer Zinsen entfernen sich die Zentralbanker von traditionellen Konzepten, welche den Fokus auf Geldmengen und Kreditwachstum legen. Die Handlungen der Zentralbanken sorgen in diesem Zyklus immer wieder für Irritationen. Dies wird auch im Rahmen der andauernden wirtschaftlichen Expansionsphase deutlich. Die Inflationsziele der Zentralbanken wurden trotz einer Vielzahl von Maßnahmen immer wieder unterschritten. Nüchtern betrachtet, werden Zentralbanken politisch beeinflusst. Die handelnden Personen sind meist Berufspolitiker – wie die frühere IWF-Chefin und französische Finanzministerin Christine Lagarde. Die ersten Reden zeugen von ihrem Interesse an Themen wie Klimawandel oder Bekämpfung der Ungleichheit. Wichtige gesellschaftliche Themen, die aber nichts mit Geldpolitik zu tun haben. Entscheidend ist, dass historisch betrachtet Notenbanken zu den ernstzunehmenden Bärenmarkt-Indikatoren gehören und deshalb ist es in der aktuellen Phase angebracht, die zukünftigen Schritte der Zentralbanken noch kritischer zu analysieren und zu hinterfragen.

Wie die Lage aktuell bei US-Aktien ist und welche Werte sich in diesem Jahr positiv entwickeln könnten, lesen Sie auf Seite 2