Wer hätte das gedacht

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Jahrzehntelang lief alles glatt, die Unfallversicherer verdienten bestens – und dabei sollte es eigentlich auch bleiben. Doch plötzlich dreht sich der Wind: Die Deutschen werden immer älter, sind auch nach dem Berufsleben weiter äußerst aktiv anstatt auf dem sicheren Sofa zu sitzen, treiben mit fortgeschrittenen Jahren noch verletzungsanfälligen Sport – und treiben mit all dem die Kosten nach oben. Und dann kommen auch noch die jungen Wilden von der Digitalfront.

Jahrelang war die Unfallversicherung für die Anbieter eine Gewinnquelle. In den Jahren zwischen 2012 und 2018 lag die Schaden-/Kosten-Quote nach Angaben des GDV meist unter 80 %. Doch diese Zeiten könnten zu Ende gehen. Laut Rating-Agentur Assekurata richtet sich das Augenmerk verstärkt auf die demografische Entwicklung mit immer mehr Älteren und auch immer mehr fitteren Senioren. Summierten sich die Schäden im Jahr 2000 noch auf 2,5 Mrd. Euro, so waren es 2018 bereits 3,9 Mrd. Euro – fast eine Verdoppelung. Und die Unfallversicherungen mussten im Schnitt an jeden betroffenen Kunden gut 4.200 Euro auszahlen; im Jahr 2000 waren es noch knapp 3.000 Euro. Hinzu kommt, dass junge Digitalanbieter den etablierten Versicherern das Neugeschäft immer schwerer machen. Der Umsatz schwächelt zusehends. Hilfe in der Not suchen sie in immer weiter gefassten Assistance-Leistungen. Doch die kosten erneut Geld und erschweren Maklern den erforderlichen Marktdurchblick.

Ein plötzliches Alterungsproblem

Dass vor allem die demografische Entwicklung im Auge behalten werden muss, bestätigt Susanne Plümacher, Abteilungsleiterin Mathematik der Hanse-Merkur Allgemeine: „Für ein gutes Ergebnis sind ein risikogerechter Beitrag und eine gesunde Altersstruktur im Bestand entscheidend. Wir konnten in den vergangenen Jahren ein ausgezeichnetes Wachstum in der Unfallversicherung verzeichnen. Unsere Combined Ratio liegt dabei im Marktschnitt.“ Die große Herausforderung in den kommenden Jahren werde es sein, mit dem Trend der fortschreitenden Alterung der Bevölkerung umzugehen.

Ähnlich sieht dies Dieter Marx, Head of Product Management P&C Non-Motor der Generali Deutschland AG: „Die Combined Ratio in der Unfallversicherung gehört seit vielen Jahren zu den profitableren Sparten der Sachversicherer. Die Versicherer müssen zukünftig verstärkt darauf achten, dass die Combined Ratio in der Unfallversicherung nicht zu sehr durch die Alterung der Bestände, den demografischen Wandel sowie die immer umfangreicheren Leistungserweiterungen im Markt belastet wird.“ Hier gelte es, rechtzeitig mit entsprechenden Produkt- und Tarifgestaltungen zu reagieren. Dennoch scheint der Marktausblick eher positiv. Zumindest wenn man Dr. Stefan M. Knoll, dem Gründer und Vorstandsvorsitzenden der DFV Deutschen Familienversicherung AG, folgt: „Grundsätzlich nimmt jeder Versicherer eine individuelle Kalkulation seiner Produkte vor. Eine positive Combined Ratio kommt beim Unfallschutz beispielsweise dadurch zustande, dass nicht so viele Leistungen in Anspruch genommen wurden. Zudem sind die Kosten, die durch einen Unfall entstehen, aufgrund des medizinischen Fortschritts heutzutage geringer als noch vor einigen Jahren.“

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