Was Banken von FinTechs lernen müssen

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FinTechs kapern mit ihren digitalen Finanzangeboten zunehmend das Geschäft der klassischen Bankenbranche. Die Banken haben den Digitalisierungstrend vollkommen verschlafen und verlieren immer mehr Marktanteile.

Im Wettbewerb um den Kunden brauchen sie jetzt mehr als ein schickes neues Kundenportal. Sie müssen eine digitale Transformation vornehmen und dazu etablierte Strukturen auflösen. Ein Konto eröffnen, einen Kredit beantragen, Fonds einkaufen: Das kann man heute alles bequem in wenigen Minuten vom Sofa aus erledigen. Möglich machen das sog. „FinTechs“. Die jungen Technologieunternehmen digitalisieren die klassischen Finanzdienstleistungen und stellen sie online zur Verfügung. Was früher umständlich über mehrere Tage oder Wochen hinweg bei Banken und Sparkassen zum Teil manuell abgewickelt werden musste, lässt sich heute per Mausklick erledigen.

PayPal war der Anfang

Die Bankenbranche wird durch diese Entwicklung enorm unter Druck gesetzt. Sie hat den Digitalisierungstrend schlichtweg verschlafen. Bereits zu Beginn des Internet-Zeitalters überließen sie die Online-Bezahlung dem Unternehmen PayPal, anstatt ein eigenes Angebot zu entwickeln. Mit Paydirekt reagieren Banken und Sparkassen jetzt – das Angebot kommt aber deutlich zu spät. PayPal hat sich längst als Standard für die Online-Bezahlung etabliert. Und das hat gravierende Folgen: Denn die Bank selbst ist nur noch im Hintergrund an der Transaktion beteiligt. Sie hat damit keinen direkten Zugriff mehr auf die Kunden, kann die Markenbindung nicht festigen und nicht auf ihre Produkte und Dienstleistungen hinweisen. PayPal war aber nur der Anfang. Fast täglich kommen heute neue mobile oder webbasierte Angebote hinzu: Von der Kontoverwaltung über die Kreditvergabe bis zur Anlageberatung greifen FinTechs tief in das Stammgeschäft von Banken und Sparkassen ein. Das Wachstum der Branche ist enorm. Weltweit lagen die Investitionen in FinTech Start-ups im vergangenen Jahr bei 8 Mrd. US-Dollar – und haben sich damit gegenüber 2014 fast verdoppelt. Vor allem der europäische Markt wächst rasant. Junge, schnell gewachsene Unternehmen – wie TransferWise, Funding Circle, NUMBER26 oder Kreditech – setzen jetzt alles daran, von der neu gewonnenen Größe zu profitieren und den etablierten Banken weitere Marktanteile wegzunehmen.

Schickes Kundenportal reicht nicht

Doch wie können Banken auf diesen Trend reagieren? Einig sind sich alle: Die großen Bankhäuser haben eine zeitgemäße Kundeninteraktion in den letzten Jahren vernachlässigt. Immer weniger Menschen gehen in eine Bankfiliale. In der digitalen Welt haben die traditionellen Geldinstitute außer Online-Banking nicht viel zu bieten. Ein schickes neues Kundenportal reicht jedoch nicht aus, um den Kurs zu korrigieren. Wer von FinTechs lernen will, muss verstehen, was sich hinter den hippen Webseiten wirklich verbirgt: FinTechs haben erstmals die gesamte Wertschöpfungskette eines Finanzdienstleisters digitalisiert – vom Vertrieb über die Risiko- und Bonitätsprüfung, die Datenverarbeitung bis zum Backoffice. Auf diese Weise konnten sie das Bankengeschäft auf eine neue Qualitätsebene heben und es deutlich schneller, effizienter und kundenfreundlicher machen. Das ist das eigentlich Revolutionäre an ihnen. Für die klassische Bank steht also ein radikales Umdenken an. Anstatt lediglich innerhalb ihrer Abteilungen auf elektronische Dokumente und Datenbanken zu setzen, müssen zukünftig auch die Übergänge zwischen den Wertschöpfungsbereichen digitalisiert werden. Erst ein solches digitales „streamlinen“ ermöglicht es, den gesamten Prozess für die Anlage eines Girokontos oder eines Kredits durch die IT zu steuern. Die Mitarbeiter der Finanzinstitute schreiten dann nur noch ein für das „Management by Exception“ – also die Ausnahmebearbeitung. Aber auch hier gilt: Der Mitarbeiter trifft zwar die Entscheidung, die Konsequenz dieser Entscheidung wird von der IT gesteuert. Das beschleunigt die Prozesse erheblich. Denn gerade an den noch nicht digitalisierten Schnittstellen ging bisher enorm viel Effizienz verloren.

Schritt für Schritt zum Change-Prozess

Für die traditionsverhaftete Bankenbranche kommt eine solche digitale und strukturelle Transformation allerdings einem Erdbeben gleich. Verkrustete Strukturen müssen aufgebrochen und Mitarbeitern völlig neue Aufgaben zugewiesen werden. Dafür empfiehlt es sich, zunächst mit einem Leuchtturmprojekt zu starten. Auf diese Weise lassen sich Erfahrungen sammeln und Mitarbeiter Schritt für Schritt für den Change-Prozess gewinnen.

Besonders eignet sich dafür die Finanzdienstleistung Factoring. Und zwar aus einer ganzen Reihe von Gründen: Zum einen ist beim Factoring aufgrund der großen Datenmengen, die tagtäglich anfallen, per se ein hoher Grad an Automatisierung erforderlich, um das Produkt erfolgreich am Markt anbieten zu können. Des Weiteren ist Factoring ein boomender Markt: Die Umsätze der Mitglieder des Deutschen Factoring-Verbandes steigen seit Jahren an. Im vergangenen Jahr wurde die 200 Mrd. Euro-Marke geknackt – ein Ende des Wachstums ist derzeit nicht abzusehen. Bei Mittelständlern und Kleinunternehmen wird das Produkt als Alternative zum Bankenkredit immer beliebter. Das Factoring hat sich längst von seinem Nischendasein befreit und als wichtige Finanzierungssäule des Mittelstandes etabliert. Für Banken bietet Factoring daher die Möglichkeit, Umsätze anzukurbeln, die durch das fehlende Zinsgeschäft brach liegen.