Rücken- oder Gegenwind auf der Zielgeraden?

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Die USA, wie auch der Rest der Welt, stecken noch immer inmitten einer globalen Pandemie. So registrierten die Vereinigten Staaten den höchsten Einbruch des Bruttoinlandsproduktes in ihrer Geschichte. Und das nach einer jahrelangen Aufwärtsphase. Dennoch mehren sich die Zeichen, dass die darbende Binnennachfrage wieder anzieht. Entgegen der moderaten volkswirtschaftlichen Daten ziehen derweil die gefragten Tech-Werte einsam ihre Kreise und markieren neue Höchststände.

Die Vereinigten Staaten im Herbst 2020. Zwei betagte Männer, beide über 70 Jahre alt, wollen das höchste politische Amt für sich beanspruchen. Donald Trump, der 45. Präsident der USA, möchte eine zweite Amtszeit; sein unbändiger Drang zur Macht ist geradezu allgegenwärtig. In Umfragen liegt Trump zwar hinten, doch seine Anhänger halten fest zu ihm – allen Skandalen zum Trotz. Und derer gibt es wahrlich zuhauf. Auf der anderen Seite steht ein ehemaliger Vize-Präsident, der knapp 50 Jahre in der aktiven Politik verbracht hat und nun sein Lebenswerk sozusagen mit dem obersten Amt krönen möchte. Ein Aufbruchsignal sieht anders aus. Dennoch sieht es für den Herausforderer Biden derzeit gut aus, als Sieger aus dem Duell am 05.11. hervorzugehen. „Biden ist der Typus von Politiker, der für die Europäer Normalität ist. Er möchte die Menschen zusammenbringen, und dies dürfte in Europa gut ankommen. Allerdings gibt es für die Märkte bei einer Biden-Präsidentschaft zwei wichtige Bereiche der Sorge oder Unsicherheit. Generell werden Steuererhöhungen befürchtet, und die Unsicherheit um die künftige US-Steuerpolitik wird an den Märkten weltweit spürbar sein. Auch Deregulierung ist ein Thema“, bemerkt David Zahn, Head of European Fixed Income bei Franklin Templeton Investments, an dieser Stelle. Trumps Bilanz fällt indes gemischt aus. Das hat auch mit seiner sehr eigenen Vorgehensweise in der Corona-Pandemie zu tun.

Erst herber Wirtschaftseinbruch, dann Aufhellung

„Trumps Wirtschaftsboom: Wie lange noch?“, fragte die Deutsche Welle im vergangenen Herbst. Vorausgegangen war eine lange Aufwärtsphase der weltgrößten Volkswirtschaft. Die Arbeitslosigkeit sank, die Exporte brachten sprudelnde Einnahmen und kompensierten den privaten Konsum. Doch bereits 2019 senkte die US-Notenbank ihren Leitzins dreimal (!) innerhalb eines Jahres. Rekordverdächtig, aber als Stimulus durchaus eine geeignete Maßnahme. Mit Corona schlugen allerdings auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten die Vorzeichen deutlich ins Negative aus. Die Wirtschaftsleistung fiel im 2. Quartal wegen der Pandemie trotz gewaltiger Konjunkturpakete überdurchschnittlich. Von April bis einschließlich Juni schrumpfte das BIP aufs Jahr hochgerechnet um mehr als 30 %, wie die US-Administration mitteilte. Passend zum Sommer und mit Beginn des 2. Halbjahres hellte sich das trübe Bild auf. „Die US-Wirtschaft zeigt Anzeichen einer Verbesserung und die Wirtschaftsdaten bewegen sich in die richtige Richtung. Die Arbeitslosenzahlen sind zwar nach wie vor hoch, verbessern sich aber gegenüber dem Rekordniveau vom Frühjahr und Jobs scheinen wieder auf den Markt zurückzukehren. Die Wirtschaftsdaten zu Verbraucherausgaben, Wohnungsbau und Aufträgen für langlebige Güter zeigen alle Stärke“, so Susan Schmidt, Head of US Equities bei Aviva Investors. Auch Rolf Kieckebusch, Vorstand der Kirix Vermögensverwaltung AG, fokussiertden Blick auf die anstehende Präsidentschaftswahl und erwartet zugleich einen hohen Einfluss auf die Performanceerwartung der unterschiedlichen Branchen. „In unserem Basisszenario gehen wir derzeit von einem Wahlsieg der Demokraten aus. Profiteure wären bei dieser Betrachtung Unternehmen, die für den Ausbau der digitalen, aber auch der analogen Infrastruktur stehen. Themen rund um die Erzeugung und Verteilung alternativer Energien könnten ebenfalls sehr interessant werden“, so der Kirix-Vorstand. Justin Wells, Aktienstratege Global Systematic Equities bei Jupiter Asset Management, betont indes, dass insbesondere die US-Mega-Cap-Aktien zuletzt vergleichsweise stark abgeschnitten haben. „Dadurch stoßen Fragen zu der Bewertung dieser Aktien und die Auswirkung eines potenziellen Regierungswechsels bei den meisten Marktteilnehmern auf Interesse“, wirft Wells folgerichtig ein.

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