Ölpreiskrieg wird zum Krisenbeschleuniger

Adolf Rostenstock, volkswirtschaftlicher Berater MainSky Asset Management / Foto: © MainSky Asset Management

Knapp über 20 US-Dollar – so billig war ein Barrel der US-Ölsorte WTI zuletzt kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Öl kostet damit weniger als die Hälfte des Durchschnitts in 2019. De facto ist das OPEC-Kartell zerbrochen und Saudi-Arabien hat den anderen Produzenten, darunter Russland und die USA, den Preiskrieg erklärt. Neben kleineren ölexportierenden Ländern werden die niedrigen Preise vor allem die Fracking-Industrie in den USA vor große finanzielle Probleme stellen. Hält die Talfahrt im Ölpreis an, dürften viele Unternehmen ohne staatliche Hilfe kaum überleben können. Je weiter eine Einigung der Ölförderländer in die Ferne rückt, umso stärker dürfte die ohnehin schon durch das Corona-Virus stark angeschlagene Weltwirtschaft zusätzlich belastet werden. Die Rezession dürfte tiefer ausfallen und länger anhalten.

Angeblich wollte Russland den amerikanischen Ölfirmen, die seit 2017 ihre Exporte fast
vervierfacht haben, nicht noch mehr Marktanteile überlassen und war deshalb nicht bereit, seine Förderung zu kürzen. Deshalb konnte sich die OPEC unter Führung von Saudi-Arabien nicht mit Russland auf eine Kürzung der Fördermengen einigen. Daraufhin ist de facto das Kartell von einem Tag auf den anderen zerbrochen und Saudi-Arabien hat den anderen Ölproduzenten den Preiskrieg erklärt. Ab April will es sein Rohöl mit Rabatten von 20 Prozent anbieten und die Förderung um 25 Prozent erhöhen. Die russische Regierung antwortete umgehend mit der Ankündigung, die Förderung ebenfalls stark anzuheben. Daraufhin brach der Ölpreis um 30 Prozent ein und notiert aktuell nur noch knapp über 20 US-Dollar pro Barrel. Rohöl kostet damit weniger als die Hälfte des Durchschnitts in 2019. Nach dem Ausbruch des Coronavirus mit seinen verheerenden Folgen erreichte die Finanzmärkte und die Weltwirtschaft damit der zweite „Schwarze Schwan“.

Es ist zwar nicht auszuschließen, dass es in Zukunft doch noch zu einer Kürzungsvereinbarung der OPEC+ kommt, wir gehen aber von einer längeren Phase mit erheblichem Angebotsüberschuss auf dem Ölmarkt aus. Für Russland sind die Mindereinnahmen aus dem Ölexport aufgrund einer soliden Ausgangslage im Staatshaushalt, der positiven Leistungsbilanz sowie hohen Währungsreserven zu verkraften. Auch Saudi-Arabien kann die massive Ausweitung seines Staatsdefizits mit seinen Finanzreserven vorerst ohne Probleme abdecken.

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