Nachhaltiges Investieren ist im Kommen

Constantin Lisson / Foto: © LIQID

ESG-bezogene Investments entwachsen der Investmentnische. Doch wie steht es hierzulande um den Markt für nachhaltige Investments? Welche Ausschlusskriterien werden zugrunde gelegt? finanzwelt sprach mit Constantin Lisson, der im Investment-Team von LIQID den Themenkomplex quantitative Analyse verantwortet und Spezialist für nachhaltige Anlagestrategien ist.

finanzwelt: Täuscht der Eindruck, oder gewinnt „nachhaltiges Investieren“ derzeit an Dynamik (auch durch Druck/Forcierung seitens der Brüsseler Behörden)?

Lisson: „Sie sprechen vom Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums, den die Europäische Kommission im März dieses Jahres verabschiedet hat. Dieser enthält die erklärte Zielsetzung, Kapitalflüsse in deutlich stärkerem Maße nachhaltigen Zwecken zuzuführen, als dies bisher der Fall ist. Unabhängig hiervon lässt sich aber über die letzten Jahre auch seitens der Anleger ein stark zunehmendes Interesse an nachhaltigen Formen der Kapitalanlage belegen; nicht nur in Deutschland. Der Eindruck täuscht also nicht: Nachhaltige Geldanlagen sind weltweit auf dem Vormarsch. Allein in den deutschsprachigen Ländern haben sich die Investments, die ökologische, soziale und ethische Kriterien berücksichtigen, zwischen 2006 und 2016 mehr als verzwölffacht. Dennoch investiert erst ein kleiner Teil der deutschen Anleger, die sich für nachhaltige Kapitalanlage interessieren auch tatsächlich in nachhaltige Produkte. Ich glaube, das hat eine Reihe von Gründen, liegt aber vor allem an einem Mangel an fairen und wirtschaftlich attraktiven Produkten – auch in der digitalen Vermögensverwaltung.

finanzwelt: Ist es nicht so, dass die Definitionen von „Impact Investing“ oft weit auseinanderliegen und die Vergleichbarkeit mitunter erschweren?

Lisson: Dass die Definitionen hier oft variieren, stimmt. Was Nachhaltigkeit bedeutet, ist ja letztendlich auch eine sehr subjektive und persönliche Frage. Ob nun beispielsweise Tabak und Atomenergie auf der Ausschlussliste landen sollten (wie das bei uns der Fall ist), darüber lässt sich sicherlich streiten. Das erschwert natürlich den Vergleich für Anleger. Deshalb ist die Transparenz im Hinblick auf die angesetzten Kriterien beim nachhaltigen Investieren besonders wichtig; so kann der Anleger für sich entscheiden, ob ein Produkt oder eine Strategie seiner persönlichen Nachhaltigkeitsvorstellung gerecht wird.

Der Begriff „Impact Investing“ beschreibt erst einmal das wirkungsorientierte Investieren, also insbesondere das Investieren in einzelne Zielunternehmen oder Emittenten, die besonders nachhaltig agieren und einen konkreten nachhaltigen Zweck unterstützen. Diese Form der nachhaltigen Geldanlage stellt nur eine von vielen dar. Wir fassen unseren Nachhaltigkeitsbegriff deutlich weiter und verstehen unter nachhaltiger Kapitalanlage die Gesamtheit der Investmentansätze, bei denen durch systematische Anwendung von Nachhaltigkeitskriterien bei der Portfoliozusammenstellung ein deutlich verbessertes Profil in den Bereichen ökologische und soziale Auswirkungen und bei der Corporate Governance erreicht wird. Man könnte vielleicht sagen, dass beim klassischen Impact-Investment die Wirtschaftlichkeit der Nachhaltigkeit untergeordnet wird, da ein bestimmter nachhaltiger Zweck verfolgt werden soll; auch dann, wenn dies zum Beispiel zu unzureichender Diversifikation führt. Mit LIQID Global Impact hingegen haben wir einen Anlagestil entwickelt, der „das Beste aus zwei Welten“ bietet. Anstatt nur Aktien oder Anleihen einiger besonders nachhaltiger Unternehmen ins Portfolio aufzunehmen, haben wir uns für einen Ansatz entschieden, der den Gesamtmarkt als Ausgangspunkt für die Portfoliozusammensetzung nimmt und dann in einem zweistufigen Prozess zahlreiche Wertpapiere ausschließt. Hiermit erzielen wir gegenüber wirtschaftlich vergleichbaren Strategien ein hervorragendes Nachhaltigkeitsprofil, ohne aber die breite Diversifikation aufzugeben. Diese bildet, zusammen mit unserem Rebalancierungs-Algorithmus, das Kernstück der Risikokontrolle. Nur so eignet sich ein Nachhaltigkeitsportfolio langfristig zum Vermögensaufbau.

finanzwelt: Nach welchen Kriterien wählen Sie in Frage kommende Unternehmen für Ihr Portfolio aus (Best in Class o.ä.)?

Lisson: Wie schon erwähnt, setzen wir bei LIQID Global Impact vor allem auf einen ausschlussbasierten Ansatz. Unsere Aktienallokation basiert auf nachhaltigen ETFs, die die SRI (Socially Responsible Investment) Indizes aus dem Hause MSCI abbilden. Lassen Sie uns das einmal am Beispiel unserer Europa-Allokation durchgehen. Ausgangspunkt unserer Aktienallokation Europa ist der MSCI Europe Aktienindex, welcher zuletzt 445 Titel abbildete. Durch Ausschluss auf Grundlage von Nachhaltigkeitskriterien wird die Zahl der europäischen Aktien, die in unseren Global-Impact-Portfolios enthalten sind auf 118 reduziert. Ein erheblich reduziertes Wertpapieruniversum, das dennoch einohes Maß an Diversifikation gewährleistet.

Der Ausschluss erfolgt in einem zweistufigen Prozess. Zunächst werden Aktien aus einer Liste grundsätzlich nicht-nachhaltiger Branchen wie Glücksspiel, Rüstung und Kernenergie ausgeschlossen. In einem zweiten Schritt werden die verbleibenden Unternehmen nach 37 Nachhaltigkeitskriterien aus den Themenfeldern Umwelt, Soziales und Corporate Governance beurteilt. Hierunter fallen verschiedenste Kriterien wie Kohlenstoffdioxid-Emissionen, Grundwasserbelastung, Steuertransparenz, Arbeitsbedingungen in der Lieferkette und viele weitere. Auf dieser Grundlage wird für jedes Unternehmen ein Nachhaltigkeitsrating von AAA bis CCC vergeben. Nur jene Unternehmen mit Ratings von BBB („gut“) oder besser verbleiben im Portfolio.

Wie sich der Markt für nachhaltiges Investieren in Zukunft entwickeln könnte und welche Rendite dort zu erzielen ist, lesen Sie auf Seite 2