Japans Negativzinspolitik – Europa, hörst du die Signale?

Andrew Wilson

Die Ankündigung der Bank of Japan (BoJ), die Kontrolle über die Zinskurve zu behaupten, erscheint wie ein antiquiertes geldpolitisches Instrument einer Volkswirtschaft, die seit Langem verzweifelt versucht, der Deflation zu entkommen. Beobachter der Notenbanken in Europa – und dieser Tage sollten alle Anleger die Notenbanken beobachten – könnten dies jedoch auch als Hinweis auf die zukünftige Entwicklung deuten.

Zunächst einmal die Einzelheiten: Um Konjunkturanreize zu schaffen, beließ die japanische Zentralbank den Einlagenzinssatz zuletzt bei -0,1 Prozent, statt ihn noch weiter in den negativen Bereich zu senken. Vielmehr konzentrierte sich die BoJ auf die Rendite japanischer Staatsanleihen, genauer gesagt 10-jähriger Papiere. Sie versprach, Staatsanleihen in der erforderlichen Höhe zu kaufen, um die Renditen auf dem derzeitigen Niveau von nahezu Null Prozent zu halten.

Damit will die Bank eine Abflachung der Zinskurve verhindern. Diese tritt ein, wenn Anleger, nur eine geringe oder gar keine Entschädigung für das Halten langfristiger Papiere bekommen. Diese Abflachung ist ein unerwünschter Nebeneffekt der Anleihekäufe der Zentralbanken, der in den letzten Jahren in den großen Volkswirtschaften zu beobachten war. Diese Käufe sollen, ebenso wie niedrige oder negative Zinsen, eigentlich die Kreditvergabe und Unternehmensaktivitäten ankurbeln, indem sie die Kreditkosten senken. Wenn das jedoch zu einer Verflachung der Zinskurve führt, wird genau das Gegenteil erreicht: Banken vergeben weniger Kredite, da sie nicht mehr angemessen entschädigt werden. Das wäre kein Problem, wenn Banken die Kosten negativer, kurzfristiger Zinsen an die Verbraucher weitergeben würden. Davor schrecken sie jedoch zurück, da sie befürchten, dass Sparer ihr Geld aus dem System abziehen könnten.

Japans Yield-Curve-Control als Blaupause für EZB?

Diese Geldpolitik ist das aufschlussreiche Eingeständnis, dass negative kurzfristige Zinsen nur begrenzt wirksam sind. Mit ihrer Weigerung, die Zinsen noch weiter zu senken, verabschiedet sich die BoJ implizit von ihrer Hoffnung, die Konjunktur auf diese Weise beleben zu können. Dies sollte bei der EZB in Frankfurt Besorgnis auslösen, denn der Einlagenzins in der Eurozone ist mit -0,4 Prozent deutlich niedriger als der japanische.

Natürlich verfolgt die EZB die Politik negativer Zinsen und quantitativer Lockerungsmaßnahmen noch nicht so lange wie Japan sein Abenomics-Programm. Das Problem der Staatsverschuldung und Altersstruktur sind zudem in Europa weniger stark ausgeprägt als in Japan. Manche Probleme ähneln sich allerdings. Wenn Europa sein Wachstum nicht nachhaltig steigern kann, muss die EZB in den nächsten Jahren unter Umständen jene Maßnahmen in Betracht ziehen, die die BoJ derzeit bereits ergreift.

Es ist nach wie vor möglich, dass negative Zinsen für den Impuls sorgen, den die EU zur Abwehr einer Rezession benötigt. Aber welches Instrument stünde der EZB noch zur Verfügung, wenn dies nicht geschieht? Mit ihrem QE-Programm zur Ankurbelung der Kreditvergabe an die Realwirtschaft, das auf immer riskantere Vermögenswerte wie zum Beispiel Unternehmensanleihen ausgedehnt wird, verfolgt die EZB schon heute Parallelmaßnahmen zu ihrer Negativzinspolitik. Bislang hat dies jedoch keine spürbare Auswirkung auf die reale oder erwartete Inflation.

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