Jenseits des klassischen Bankkredits: Die neue Vielfalt der Unternehmensfinanzierung

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War der klassische Bankkredit vor einigen Jahren noch weitgehend das Mittel der Wahl für Unternehmen wenn es um Investitionen ging, ist der Markt für Finanzierungen heute vielfältiger denn je: Ob Sale&Lease Back, Einkaufsfinanzierung, Factoring, Leasing oder Schuldscheindarlehen – es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die Finanzierungsstruktur zu optimieren und auf die jeweilige Bedarfssituation anzupassen. Dieses Angebot trifft auf ein verstärktes Bedürfnis auf Seiten der Unternehmer: Eine Umfrage vom BFM Bundesverband Factoring für den Mittelstand ergab, dass sich 57 Prozent der befragten Unternehmen mehr Unabhängigkeit von der Hausbank wünschen.

In der Realität ist diese neue Vielfalt aber noch nicht in der Breite angekommen. Das zeigt ein weiterer Aspekt der Umfrage des BFM: 75 Prozent der befragten Unternehmer sind mit alternativen Finanzierungsinstrumenten kaum oder gar nicht vertraut. Damit offenbart sich ein deutliches Informationsgefälle zwischen Angebot und Nachfrage in der Unternehmensfinanzierung: Zahlreiche Finanzierungsoptionen sind auf dem Markt, doch viele Marktteilnehmer wissen schlicht nicht davon.

Die geeignete Finanzierungsform hängt vom Verwendungszweck und der Unternehmensphase ab

Doch selbst, wenn sich Unternehmen bereits im Markt der Finanzierungslösungen umgesehen haben und ihre Optionen geprüft haben, stellt sich schnell die Frage: „Welche Finanzierungsform ist denn nun die beste für mich als Unternehmer“. Die Antwort auf diese Frage lautet wie so oft: „Es kommt darauf an.“ Wesentlich sind folgende Fragen bei der Wahl der geeigneten Finanzierungsoption zu berücksichtigen:

  1. In welchem Entwicklungsstadium befindet sich das Unternehmen? Etablierte Mittelständler haben andere Bedürfnisse und vielleicht auch andere Möglichkeiten als Start-Ups – das gilt erst Recht bei der Finanzierungsform. Etablierte KMU können beispielsweise häufig auf gewachsene Beziehungen zu Banken zurückgreifen, die ihnen Fremdkapital in Form von Krediten zur Verfügung stellen. Start-Ups und Gründer wiederum haben in der Regel keinen „track record“ bei der Bank, der in es ihnen erlaubt auf Kreditlinien zurückzugreifen. In dieser frühen Unternehmensphase muss dann möglicherweise vergleichsweise teures Eigenkapital in Form von Wagniskapital über Venture Capital oder Business Angel aufgenommen werden.
  1. Wichtig bei der Wahl der Finanzierungslösung ist zudem die Frage, in welchem Bereich das Unternehmen tätig ist? Und daran anschließend: Für was soll die Liquiditätszufuhr eingesetzt werden? Für eine Aluminium-Giesserei, die neue Maschinen und Anlagen braucht, bietet sich beispielsweise ein smartes Leasing-Modell an. Für den Mittelständler, der sich im Verdrängungswettbewerb auf dem Weltmarkt behaupten will, ist vielleicht der Einstieg eines strategischen Investors interessant. Der Gartenmöbelhändler mit einem starken saisonalen Geschäft setzt vielleicht auf eine Einkaufsfinanzierung um sein Working Capital zu optimieren.

Die erste Wahl bei der Finanzierung für Unternehmen, muss demnach nicht grundsätzlich der klassische Unternehmenskredit sein obwohl dieser selbstverständlich als “Klassiker” seine großen Vorteile hat. Es haben sich in den vergangenen Jahren viele neue Möglichkeiten ergeben, wie sich Unternehmen Kapital beschaffen können. Im Folgenden sollen exemplarisch – ohne Anspruch auf Vollständigkeit fünf innovative Finanzierungslösungen – für KMU einerseits und Startups andererseits – vorgestellt werden:

  • Factoring
  • Einkaufsfinanzierung
  • Leasing
  • Wandeldarlehen
  • Venture Debt

Diese fünf alternativen Finanzierungsinstrumente gibt es für Unternehmen

Factoring
Beim Factoring werden die Forderungen aus Lieferungen und Leistungen an eine Factoring-Gesellschaft verkauft. Das Unternehmen erhält bis zu 100 Prozent des Forderungsbetrages unmittelbar ausbezahlt. Man unterscheidet grob zwischen echtem Factoring (der Factor übernimmt das Ausfallrisiko komplett) und unechtem Factoring (das Risiko des Forderungsausfalls verbleibt beim Unternehmen). Die Vorteile dieser Finanzierungsform sind für Unternehmen jedweder Größe interessant: 1. sofortige Liquiditätserhöhung – Factoring ist ein smarte Alternative zum kurzfristigen Kredit und die Mittel aus dem Forderungsverkauf können beispielsweise zur Tilgung von laufenden Verbindlichkeiten eingesetzt werden. 2. Forderungsausfälle minimieren beziehungsweise ganz verhindern – das erleichtert und professionalisiert die Finanzplanung. 3. Bilanzoptimierung: Factoring wirkt bilanzverkürzend und erhöht die Eigenkapitalquote. 4. Aufwandsminimierung: Mit dem Full-Service Factoring beispielsweise lässt sich der buchhalterische Aufwand durch die Auslagerung des kompletten Debitorenmanagements minimieren.

Einkaufsfinanzierung
Die Idee der Einkaufsfinanzierung, auch Finetrading genannt, ist so einfach wie effizient: Ein Zwischenhändler übernimmt die Bezahlung der Lieferanten unter Nutzung der angebotenen Skonti und Rabatte und räumt dem Unternehmen gegen eine Gebühr ein verlängertes Zahlungsziel (bis zu 120 Tage) ein. Die Ware wird dem Unternehmen – unter Eigentumsvorbehalt – zur direkten Weiterverwendung zur Verfügung gestellt. Die Vorteile beim Finetrading: Die umgehende Begleichung der Lieferantenrechnungen führt zum Beispiel zur Ausnutzung des Skontos und stärkt zusätzlich die Lieferantenbeziehung langfristig. Dadurch sind zum Beispiel bessere Einkaufskonditionen möglich. Höhere Liquidität und ausbalancierte saisonale Spitzen sorgen zudem für eine verbesserte Finanzplanung. 

Leasing
Leasing ermöglicht einen interessanten Spagat: Liquidität schonen und sich trotzdem – als ein Beispiel von vielen möglichen – eine neue Maschine anschaffen. Kein Wunder, dass diese Finanzierungslösung vor allem im Mittelstand großen Anklang findet. Dabei werden die Gegenstände von einem Leasinggeber erworben und dem Unternehmen gegen eine monatliche Leasingrate zur Nutzung überlassen. Nach Ende der Laufzeit geht die Anschaffung an den Leasinggeber zurück oder wird vom Leasingnehmer zum Restwert gekauft. Vorteile für KMU: Die Liquidität wird durch die monatlichen Leasingraten geschont – ideal beispielsweise wenn Eigenkapital gebunden ist oder Kreditlinien nicht belastet werden sollen. Da keine zusätzlichen Sicherheiten notwendig sind, schlägt sich Leasing auch nicht in der Bilanz nieder und Leasingraten sind zudem voll als Betriebsausgabe abzugsfähig. 

Wandeldarlehen
Die bislang vorgestellten Finanzierungslösungen eignen sich besonders für den klassischen Mittelstand. Aber auch im Bereich der Startup-Finanzierung gibt es einige interessante Finanzierungsmöglichkeiten. Eine davon ist das Wandeldarlehen, eine Mischform aus Eigen- und Fremdkapital. Dabei gewährt der Kapitalgeber dem jungen Unternehmen ein fest verzinstes Darlehen. Bei bestimmten Voraussetzungen, die zuvor vertraglich fixiert wurden, wird das Darlehen “gewandelt” und der Darlehensgeber erhält vergünstigte Unternehmensanteile (Discount: bis zu 30 Prozent). Um die Liquidität des jungen Unternehmens nicht zu stark zu belasten werden die Zinsen für ein Wandeldarlehen in der Regel gestundet und endfällig gestellt. Vorteile des Wandeldarlehens sind die flexible Ausgestaltung und der meist geringe Transaktionsaufwand. Diese Hybrid-Finanzierungslösung kann dem Startup helfen, sich Liquidität, und damit Zeit, zu verschaffen bis zu einer größeren Finanzierungsrunde bei einer dann höheren Unternehmensbewertung.

Venture Debt
Ebenfalls im Bereich Startup-Finanzierung ist diese relativ junge Finanzierungsform angesiedelt. Venture Debt (auch: Venture Loan), eine Fremdkapitalfinanzierung, ist eine Alternative falls das Start-Up keinen Bankkredit erhält. Das Darlehen ist häufig an bestimmte Klauseln (so genannte “Covenants”) gebunden. Werden diese verfehlt, kommt es oft zu Zinsaufschlägen. Venture Debt hat in der Regel kürzere Laufzeiten (beispielsweise zwischen einem und vier Jahren) als ein Wandeldarlehen und vergleichsweise hohe Zinssätze. Als Sicherheit wird ein Großteil oder sogar alle Vermögenswerte hinterlegt. Venture Debt bietet sich beispielsweise dann als Finanzierungsform an, wenn die Profitabilität des jungen Unternehmens schon in Reichweite ist und zur Überbrückung bis zur Gewinnschwelle eine Kapitalerhöhung und damit die Abgabe von wertvollen Gesellschaftsanteilen vermieden werden soll.

FinTechs beleben den Markt für Corporate Finance

Der Finanzsektor verändert sich ständig und bringt immer neue Innovationen für Unternehmensfinanzierung auf den Markt. Diese neuen Finanzierungsinstrumente ermöglichen eine hohe Flexibilität für Unternehmen. Einen großen Anteil an den Neuerungen auf diesem Sektor hat die wachsende Anzahl von jungen Unternehmen aus dem Bereich der Finanztechnologie (“FinTechs”). Ob völlig neue Lösungen (z.B. Crowdfunding), optimierte Prozesse (z.B. die FinTechs aus dem Bereich Factoring oder “Challenger Banken”) oder Vergleichsplattformen für Unternehmensfinanzierungen – es ist vielfach den neuen Anbietern zu verdanken, das Unternehmen jeder Art maßgeschneiderte, modulare Finanzierungsoptionen abschließen können.

Autor: Thomas Doriath