Irrtum oder Irrsinn?

Georg Seil, Geschäftsführer Georg Seil Consulting / Foto: © Fotostudio Kutscha

Die politische und gesellschaftliche Entwicklung in den letzten drei Wochen war insbesondere von zunehmendem Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen geprägt. Hielt anfangs noch die Angst vor einer zweiten Welle die Regelbrüche in Grenzen, so hat sich der Wind gedreht. Überall werden „Aufmärsche“ und ähnliche Demonstrationen gegen die Regeln organisiert, angeführt von „Gutmenschen“, die aber in der Minderheit bleiben, gefüttert von Esoterikern, Impfgegnern und Verschwörungsanhängern, die gefolgt und unterstützt von einem Heer von Soziologen, Psychologen, Politologen und Politikern die Rechtfertigung und das Verständnis mitbringen. Journalisten und Künstler vervollständigen diese „Corona“. Extremisten, ob von rechts oder links, nutzen die Chance zum Aufruhr und Widerstand und haben keine Hemmungen, ihre kruden Theorien zu verbreiten. Nachdem einzelne Gerichte ebenfalls meinen, die Demokratie – was ist bei Gesetzesverstößen eigentlich demokratisch- unterstützen zu müssen, sind die Dämme gebrochen. Schon wittern einzelne Politiker Morgenluft und wollen, wie z.B. Herr Ramelow, alle Einschränkungen abschaffen, nicht zuletzt, um sich bei bestimmten Wählergruppen beliebt zu machen und den „wind of change“ für die Eigeninteressen zu nutzen, Dieser Irrsinn beruht auf dem Irrtum, dass mehr und mehr Leute glauben, dass der shut down falsch gewesen sei und die jetzigen Zahlen trotz der Lockerungen zeigen, dass die Vorsicht und die Ängste wohl übertrieben waren. Manche versteigen sich zu der Aussage, dass die Maßnahmen zur Disziplinierung systematisch waren, um die Bürgerrechte außer Kraft zu setzen und die Demokratie abzuschaffen. Welch ein Irrsinn!

Die Anleihenmärkte waren in den vergangenen Wochen von relativer Ruhe geprägt. Das Zinsniveau veränderte sich überraschenderweise kaum. Das Urteil des BVG zu den Anleiheläufen der EZB hatte keinerlei Einfluss. Die darauf folgenden Aussagen des EUGH sowie der EZB haben eindrücklich gezeigt, dass man sich als europäische Instanz über den deutschen Gesetzen und Instanzen sieht, was zu heftigen Kontroversen beigetragen hat. Es wird spannend werden, wie sich die Bundesbank in diesem Minenfeld verhalten wird. Die Billionenpakete, die überall geschnürt werden, hatten erstaunlicherweise ebenfalls keinen Einfluss auf die Zinsentwicklung. Hier einmal 100 Milliarden Schulden aufnehmen, dort ein paar hundert Milliarden an Garantien geben, alles kein Problem. Und dann auch noch der Pakt Frankreich-Deutschland, so mir nichts dir nichts 550 Milliarden von der EU, welch clevere Idee, aufnehmen zu lassen, und dann weitgehend als „verlorene“ Zuschüsse an bedürftige Länder weiterzureichen, als verlorene Hilfsgelder oder doch auch als Kredite? Endlich bekommen die Franzosen ihre Eurobonds, auch wenn diese nicht so genannt werden. Unglaublich, aber wahr, Irrtum oder Irrsinn? Entweder denkt niemand ernsthaft über eine Rückzahlung all dieser Schulden nach, oder wir werden eines Tages die Zeche mit extremer Inflation und einem hohen Zinsniveau, einem Währungs -und Schuldenschnitt oder dergleichen bezahlen müssen. Ich spreche nicht von heute oder morgen, aber übermorgen wird es auch geben und dies sollten alle Kreditnehmer im Auge behalten.

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