EZB-Politik: Die Zeit drängt, entschlossenes Handeln ist gefragt

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Nachdem mehrere Monate hintereinander rekordhohe Inflationsniveaus verzeichnet wurden, hat die Europäische Zentralbank (EZB) im Juli reagiert und erstmals seit mehr als zehn Jahren die Zinsen angehoben. Doch wie ist dieser Schritt zu bewerten? Und wie geht es weiter? Dr. Andrea Siviero, Investment Strategist bei Ethenea Independent Investors, ist überzeugt: Die EZB muss auch weiterhin schnell und entschlossen handeln – trotz der Schwierigkeit der Aufgabe.

„Die im Juli beschlossene Zinserhöhung um 50 Basispunkte ist ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt Dr. Siviero. „Die Situation bleibt jedoch für die EZB besonders herausfordernd, da sie zwischen den Risiken von Stagflation, Rezession und politischen Spannungen innerhalb der Eurozone gefangen ist.“

Eine schwierige Aufgabe

Die Aufgabe der EZB sei aus mehreren Gründen äußerst schwierig: Zum einen werde die europäische Inflation hauptsächlich durch die hohen Energie- und Rohstoffpreise verursacht, und eine straffere Politik habe kaum Auswirkungen auf die Eindämmung der kostentreibenden Inflation. Zum anderen berge eine Straffung der Politik in einem sich verlangsamenden Umfeld erhöhte Rezessionsrisiken. „Außerdem ist die Verschuldung auf nationaler Ebene angespannt, und es besteht nur geringe Bereitschaft für eine koordinierte fiskalische Unterstützung auf der Ebene der Eurozone“, erklärt der Investment Stratege. Und schließlich würden Zinserhöhungen in der Eurozone keine breite politische Unterstützung genießen, und aufgrund der wirtschaftlichen Unterschiede in der Region könne eine aggressive Straffung zu einer unerwünschten Marktfragmentierung auf dem Anleihenmarkt der Eurozone führen.

Insgesamt habe sich die europäische Wirtschaft nicht so schnell von der pandemieinduzierten Rezession erholt wie die US-Wirtschaft. „Die Eurozone ist aufgrund ihrer Abhängigkeit von russischer Energie vom Konflikt in der Ukraine stark getroffen worden“, sagt Dr. Andrea Siviero. Das Verbrauchervertrauen sinke, das verarbeitende Gewerbe leide unter Lieferengpässen infolge des Covid-Ausbruchs in China und die Wirtschaft verlangsame sich.

Preisstabilität bleibt Hauptaufgabe der EZB – und die Zeit drängt

Dennoch sollte die EZB aus Sicht des Experten weiter entschlossen handeln und sich dabei von ihrem Mandat des Erhalts der Preisstabilität leiten lassen. „Das vorrangige Ziel der EZB ist die Preisstabilität. Die Unterstützung von wirtschaftlichen Maßnahmen in der Union sollte hingegen nur in dem Maße erfolgen, wie sie das Ziel der Preisstabilität nicht beeinträchtigt“, sagt Dr. Siviero. „In dieser Hinsicht rechtfertigt das derzeitige Rekordniveau der Inflation voll und ganz die Entscheidung der EZB, dringend und entschlossen zu handeln, um die rekordhohe Inflation einzudämmen.“

In der gegenwärtigen Situation könne die EZB nicht länger warten: „Ein weiteres Hinauszögern ihrer Maßnahmen würde das derzeitige schädliche Stagflationsumfeld unnötig verlängern und ihren Straffungszyklus hinauszögern, was den europäischen Bürgern – insbesondere den verwundbarsten – schadet und soziale Spannungen verschärft, ohne eine greifbare Antwort auf das inflationäre Umfeld zu geben“, gibt Dr. Siviero zu bedenken.

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