Entscheidung mit Rechenschieber

Foto: © New Africa - stock.adobe.com

Wäre es vor Jahren zur viel diskutierten Bürgerversicherung gekommen, wäre die private Krankenversicherung auf das Thema Zusatzpolicen geschrumpft. Mittlerweile ist daraus eine grundlegende Überlegung geworden: Lohnt sich- wenn man es gehaltsmäßig und gesundheitlich darstellen kann – der Wechsel aus der GKV in die PKV oder sollte man doch vielleicht gesetzlich versichert bleiben und nur die Leistungslücken privat absichern?

Für heftigen Zwist sorgte kürzlich eine Analyse der Bertelsmann Stiftung. Deren Fazit: „Im dualen System der deutschen Krankenversicherung können sich Privatversicherte dem solidarischen Risikoausgleich entziehen. Dies geht zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Denn Privatversicherte verdienen nicht nur deutlich besser, sie sind im Durchschnitt auch gesünder als gesetzlich Versicherte. Würden alle Versicherten in die GKV einbezogen, könnten die Beiträge spürbar sinken. Zudem würde dies den sozialen Zusammenhalt stärken“. Wären alle Bundesbürger gesetzlich versichert, würde die GKV jährlich ein finanzielles Plus in Höhe von rund 9 Mrd. Euro erzielen. Der Beitragssatz könnte entsprechend je nach Szenario um 0,6 bis 0,2 Prozentpunkte sinken. Dabei wurde simuliert, wie sich Einnahmen und Ausgaben der GKV entwickeln würden, wenn alle bisher privat Versicherten in die Gesetzliche Krankenversicherung einbezogen wären. Jedes momentan in der GKV versicherte Mitglied und sein Arbeitgeber könnten demnach zusammen pro Jahr durchschnittlich 145 Euro an Beiträgen sparen, wenn auch Gutverdiener, Beamte und einkommensstarke Selbstständige am Solidarausgleich der GKV teilnähmen. „Der durchschnittliche GKV-Versicherte zahlt jedes Jahr mehr als nötig, damit sich Gutverdiener, Beamte und Selbstständige dem Solidarausgleich entziehen können. Das ist der Preis dafür, dass sich Deutschland als einziges Land in Europa ein duales Krankenversicherungssystem leistet“, sagte der Gesundheitsexperte der Stiftung, Stefan Etgeton. Das Missverhältnis verschärfe sich ihm zufolge noch dadurch, dass zuletzt wieder mehr Versicherte von der gesetzlichen in die private Krankenversicherung gewechselt seien, als umgekehrt. Das konnte der PKV-Verband natürlich nicht unwidersprochen lassen – und er konterte über seinen Direktor Dr. Florian Reuther umgehend: „Die Bertelsmann-Studie ist ein Rechenexempel im luftleeren Raum. Die angebliche Ersparnis von 145 Euro im Jahr ginge voll zulasten der ärztlichen Versorgung. Denn was die Versicherten sparen, wird den Arztpraxen genommen.“ Die ‚145-Euro-Illusion‘ von Bertelsmann beruhe darauf, dass der PKV-Mehrumsatz für die Ärzte ersatzlos wegfiele. Damit gingen jeder Arztpraxis in Deutschland im Schnitt über 54.000 Euro pro Jahr verloren – wodurch sich die Wartezeiten und die Versorgungsqualität für alle Patienten drastisch verschlechtern würden. Die vermeintliche Ersparnis laut Bertelsmann schrumpfe schon auf 48 Euro im Jahr, wenn auch nur der PKV-Mehrumsatz für ambulante Medizin in Höhe von 6,4 Mrd. Euro pro Jahr ausgeglichen würde. Man könne nur froh sein, dass die Autoren ihre Studie selber als ein Muster ohne praktischen Wert ansähen.

Wovon es abhängt, ob für Versicherte die GKV oder die PKV besser ist, lesen Sie auf Seite 2