Zurück zur amerikanischen Vormacht?

Dr. Mathilde Lemoine, Group Chief Economist bei Edmond de Rothschild / Foto: © Edmond de Rothschild

Deutschland dürfte weiterhin in Europa eine wirtschaftliche und institutionelle Führungsrolle einnehmen und stärker als die Eurozone wachsen. Die Steuerreform in den USA dürfte zwar die amerikanische Wirtschaft ankurbeln, aber zu weiteren Spannungen mit China führen.

In ihrem aktuellen Halbjahresbericht mit dem Titel „Zurück zur amerikanischen Vormacht?“ stellt Dr. Mathilde Lemoine, Group Chief Economist bei Edmond de Rothschild, ihre jüngsten makroökonomischen Prognosen für das laufende und das kommende Jahr vor.

Deutschland behält Führungsrolle in Europa

Nach Meinung von Lemoine wird die deutsche Konjunktur vom Wachstum der deutschen Produktionskräfte und der Exporte gestützt. Durch die Stärkung des Arbeitsmarktes käme es zu einem moderaten Anstieg der realen Kaufkraft. Nach einem Zyklus des Kapazitätsausbaus würde sich hingegen die Dynamik der Produktinvestitionen abschwächen. Auch wenn Deutschland einer Stabilisierungsphase seiner Wirtschaft bis Ende des Jahres nicht entgehen könne, behält die Bundesrepublik nach Meinung von Dr. Mathilde Lemoine ihre wirtschaftliche und institutionelle Führungsrolle im Euroraum. Für das Jahr 2018 rechnet sie mit einem deutschen Wirtschaftswachstum von 2 %. Damit würde die deutsche Wirtschaft stärker wachsen als der Euroraum, für den Lemoine von einem Wachstum von 1,8 % in diesem Jahr und 1,6 % im nächsten Jahr ausgeht. 2017 wuchs die Wirtschaft der Eurozone noch um 2,5 %. Ursachen für die verringerte Wachstumsdynamik sind eine steigende Trägheit im Bauwesen sowie die vorrangegangenen Euro-Aufwertungen.

„Die politische Risikoprämie könnte in den Jahren 2018 und 2019, nachdem im Zuge der Wahl des französischen Präsidenten Emmanuel Macron ein Tiefpunkt erreicht wurde, wieder ansteigen, da der institutionelle Fortschritt in Europa angesichts der politischen Lage in Italien, aber auch in Spanien und Deutschland zum Stillstand kommen dürfte. Die meisten der Vorschläge, die Frankreich zur Konsolidierung der Gemeinschaftswährung vorgebracht hat, etwa bezüglich eines gemeinsamen Haushalts für den Euroraum, haben verhaltenen Zuspruch unter den anderen Mitgliedstaaten bekommen. Zudem könnte die von uns erwartete Verlangsamung des Wirtschaftswachstums den Reduktionsprozess der durchschnittlichen Staatsverschuldung im Euroraum unterbrechen. Diese lag Ende 2017 bei 86,7 % des Bruttoinlandprodukts (BIP) im Gegensatz zu 89 % des BIP Ende 2016 erreichte“, erläutert Mathilde Lemoine.

Die EZB dürfte vor diesem Hintergrund Vorsicht walten lassen und versuchen, einen Anstieg sowohl der kurzfristigen als auch der langfristigen Zinsen zu verhindern. Sie dürfte eher Maßnahmen ergreifen, um die Zinsaufschläge für Italien und weitere südliche Länder der Eurozone zu begrenzen. Aufgrund der politischen Instabilität und der deutsch-französischen Spannungen, die sich möglicherweise aus der Anhebung bestimmter Zölle auf US-Importe ergeben, könnten laut Lemoine die Renditen deutscher Staatsanleihen sinken.

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