„Tapering“-Taktik für Anleger

Thomas Wüst, Geschäftsführer Valorvest Vermögensverwaltung / Foto: © Valorvest

Die US-Notenbank FED hat ihren Leitzins 2017 zum zweiten Mal erhöht und eine dritte Anhebung in Aussicht gestellt. Unmittelbar danach hat die Bank of England mit einer knappen Zinsentscheidung überrascht: Angesichts einer hohen Inflationsrate von 2,9 Prozent haben sich drei von acht Mitgliedern des geldpolitischen Ausschusses für eine Zinsanhebung ausgesprochen. So uneinig der geldpolitische Ausschuss der Bank of England ist, so umstritten ist auch das Anleihekaufprogramm der EZB innerhalb des EZB-Rats – zumindest aus Sicht der Bundesbank. Bereits in der vergangenen Woche hat der EZB-Rat auf seiner Sitzung vorsichtig einen ersten Kurswechsel in der Geldpolitik angedeutet. Zeit für Anleger sich damit zu beschäftigen!

Aus der letzten EZB-Pressekonferenz waren drei Punkte besonders interessant:

  1. Die Konjunkturrisiken im Euro-Raum wurden als „ausgewogen“ bezeichnet statt bisher als „abwärtsgerichtet“. Die konjunkturelle Lage im Euro-Raum hat sich zuletzt weiter verbessert, was man auch an Frühindikatoren wie den Einkaufsmanagerindizes ablesen konnte.
  2. Für die EZB sind derzeit keine deflationären Risiken mehr erkennbar. Deflationäre Entwicklungen wären für den konjunkturellen Aufschwung im Euro-Raum sehr gefährlich. Gerade um deflationären Risiken zu begegnen hat die EZB 2015 das Anleihekaufprogramm überhaupt umgesetzt.
  3. Mario Draghi hat auf den Hinweis auf mögliche weitere Zinssenkungen in der Zukunft verzichtet und das aktuelle Leitzinsniveau als angemessen dargestellt.

Diese drei Punkte signalisieren einen ersten, vorsichtigen Kurswechsel der EZB im Hinblick auf ihre derzeit ultralockere Geldpolitik. In Bezug auf das Anleihekaufprogramm ist im EZB-Rat zwar noch nicht konkret über einen Ausstieg diskutiert worden. Allerdings ist im EZB-Beschluss zu lesen, dass „die EZB-Leitzinsen für längere Zeit und weit über den Zeithorizont des Nettoerwerbs von Vermögenswerten hinaus auf ihrem aktuellen Niveau bleiben werden.“

EZB-Inflationsprojektion

Hintergrund dieser Aussage im Hinblick auf das länger niedrig bleibende Leitzinsniveau ist die Inflationsprojektion der EZB, die 2017 mit 1,5 Prozent, 2018 mit 1,3 Prozent und 2019 mit 1,6 Prozent von einem V-förmigen Verlauf der Inflationsrate ausgeht. Verbunden mit dieser Aussage ist jedoch auch, dass die Laufzeit des Anleihekaufprogramms zeitlich begrenzt ist und weitaus kürzer ist, als der Zeitraum bis zur ersten Erhöhung des Leitzinses dauert. Je nach weiterer Entwicklung der Konjunktur und der Inflation in dem Euroraum muss daher sehr wohl auf absehbare Zeit mit einem Ausstieg aus dem Anleihekaufprogramm gerechnet werden.

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