"Wir müssen insgesamt das System hinterfragen"

01.06.2021

Ole Wintermann, Projektmanager bei der Bertelsmann-Stiftung / Foto: © Kai Uwe Oesterhelweg

Mobiles Arbeiten ist in der Pandemie für viele Menschen zur Realität geworden. Im Interview spricht Ole Wintermann von der Bertelsmann-Stiftung unter anderem darüber, ob es ein Zurück zum alten Büro-Alltag geben wird, welche Auswirkungen digitales Arbeiten für die Entwicklung der Städte hat – und welchen Fragen sich Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber stellen müssen.

Herr Wintermann, laut einer Befragung aus dem Februar 2021 arbeiteten im vergangenen Jahr bis zu 27 Prozent der Beschäftigten in Deutschland zur gleichen Zeit im Home Office. Vor der Corona-Krise waren es nur vier Prozent. Gehen wir dahin zurück, sobald die Inzidenz nur ausreichend gefallen ist? Wintermann: Das Thema ist hochemotional, weil damit eine Kulturfrage verbunden ist. Nämlich die Frage, wer kann eigentlich darüber bestimmen, wo ich arbeite? Bin ich das selbst, der die Arbeitskraft managen muss, oder bestimmt der Arbeitgeber darüber, wo ich am produktivsten arbeite?

Das Potenzial für mobiles Arbeiten ist riesig, es betrifft nach verschiedenen Studien zumindest 11 Millionen Erwerbstätige in Deutschland. Und was man in verschiedenen Umfragen sieht, ist: Die Menschen wollen nicht zurück zum alten. Wir haben im Dezember Zahlen veröffentlicht, da ist deutlich geworden: Über die Hälfte der Befragten wollen nach Corona regelmäßig im Home Office arbeiten. Das Problem ist, dass in der gleichen Studie 75 Prozent der Führungskräfte gesagt haben: Das wollen wir nicht. Wir wollen wieder zurück zum alten. Da müssen sich die Arbeitgeber jetzt fragen, wem sie folgen.

Könnte die Digitalisierung dem Trend zur Urbanisierung entgegenwirken? Wintermann: Darüber besteht noch keine Einigkeit. Aber Arbeitswissenschaftler sagen ja, das wird sich ändern. Man muss davon abstrahieren, was man selbst gut oder schlecht findet.

Gegenseitige Wertschätzung und Entschleunigung, schreiben Sie in einem Artikel, zählen zu den am häufigsten für den Arbeitsbereich identifizierten Zukunftstrends. Wie verträgt sich das mit der ständigen Verfügbarkeit, die durch digitale Kommunikation entsteht? Wintermann: Mit Wertschätzung ist gemeint, dass eine Kommunikation auf Augenhöhe immer wichtiger wird. Es wird ja häufig die These vertreten, digitale Kommunikation sei nicht sozial und entferne die Menschen voneinander. Aber unsere Erfahrung ist eigentlich das Gegenteil. Rollen, Funktionen und Hierarchien werden unwichtiger. Wenn der männliche Alpha-Kollege im Sitzungsraum laut wird oder mit den Armen fuchtelt, dann ist klar, wer der Boss ist. Das geht digital nicht. Man muss sich digital mehr auf Augenhöhe begegnen. Und Augenhöhe bedeutet Wertschätzung.

Wenn wir über Arbeit sprechen, meinen wir damit zumeist bezahlte Tätigkeiten. Zunehmend rückt aber in den Fokus, dass viele Arbeiten, wie im Care-Bereich, häufig unbezahlt verrichtet werden. Brauchen wir da einen Kulturwandel? Wintermann: Jein. Ja, weil auf Dauer eine solche Ungleichbehandlung in der Bezahlung nicht zu rechtfertigen ist. Ich würde das nicht nur auf Care-Arbeit konzentrieren. Ich würde insgesamt hinterfragen, wie das Lohngefüge ist. Wenn ich Autoverkäufer bin, verdiene ich mehr als eine Pflegekraft im Krankenhaus zu Corona-Zeiten. Warum bewertet der Markt das höher als die Pflege von Menschen? Uns muss klar sein: Wo kein Einkommen generiert wird, dort können wir auch kein Einkommen zahlen. Bei Care-Arbeit wird kein klassisches Einkommen generiert. Also müssen wir als Gesellschaft schauen, wie wir dieses Problem angehen können. Es reicht nicht aus, ein Einkommen zu fordern, wenn das System an dieser Stelle kein Einkommen anbietet. Wie können wir das ändern? Um das Ja und das Nein zu adressieren, müssen wir den Markt hinterfragen. Und wir selbst sind alle der Markt. Wir geben 700 Euro im Monat für eine neue Blechkiste aus, aber beschweren uns, wenn wir 400 Euro für die Kranken- und Pflegeversicherung bezahlen.

Hier geht es zum vollständigen Interview.