Wie realistisch sind die Gefahren am Kapitalmarkt?

04.08.2023

Rolf Ehlhardt - Foto: © I.C.M. Independent Capital Management Vermögensberatung Mannheim GmbH

Das Edelmetall Gold wird zwischen Mythos, Spekulation, Rettung von Vermögen bis hin zur zinslosen Kapitalanlage gehandelt. Für den neutralen Anleger kommt erschwerend hinzu, dass Autoren, die eine bestimmte Meinung vertreten, sich eines „passenden“ Zeitrahmens bedienen.

Berater, die beispielsweise gegen eine Goldanlage sind, beweisen es dadurch, „wer mit Ausbruch der Pandemie im März 2020 bei 2.050 US-Dollar gekauft hat, hat heute keinen Ausgleich für die Inflation“. Die andere Meinung belegt mit Chart, „wer nach Überspringen des Widerstands bei 1.375 US-Dollar gekauft hat (im Juni 2019), liegt heute schon 43 % vorne“.

Die Realität sagt: „Ganz unten kaufen und ganz oben verkaufen, das können nur Lügner“. Was könnte also strategisch die richtige Entscheidung sein?

Gold ist seit Jahrhunderten, außer, dass man mit Goldschmuck eine schöne Frau noch schöner macht, ein Geldaufbewahrungsmittel für schlechte Zeiten. Die Geschichte zeigt, dass Gold alle Krisen der letzten 5.000 Jahre „überlebt“ hat. Das Edelmetall genießt in vielen anderen (meist ärmeren) Ländern einen viel höheren Stellenwert als bei uns. Wem es gut geht, braucht kein Gold.

Bei den Anlegern ist Gold unterschiedlich beliebt. Während ältere Kunden dem glänzenden Metall meist aufgeschlossen sind, sind jüngere Anleger eher in der Technologie „unterwegs“. Erfahrungsgemäß ist aber nicht das Alter für den Kurstrend verantwortlich, sondern die volkswirtschaftlichen Gegebenheiten. In Zeiten, in denen es gut läuft, aber das Deflationsgespenst uns im Nacken sitzt, können Goldbestände relativ klein gehalten werden. Denn die Angst vor schlechteren Zeiten schränken Preisüberwälzungsspielräume und die Höhe der Lohnabschlüsse ein. Anleihen zahlen deutlich über der Inflationshöhe liegende Zinsen, so dass sich ein positiver Realzins errechnet.

Öl ins Feuer

Der aktuellen Nichtbeachtung von volkswirtschaftlichen Regeln liegt oft fatalerweise die selbstüberschätzende Meinung zugrunde, dass man die Wirtschaft überlisten kann. Natürlich befeuern fallende Zinsen und steigende Geldmengen die Konjunktur. In der Krise ein Heilmittel. Wer aber im Boom weiter Gas gibt, schüttet Öl ins Feuer. Es wird die Basis für Inflation gelegt und für die nächste Krise. Die Dekade 2010 bis 2020 ist jetzt der beste Beweis. Das unverantwortliche Gelddrucken der Notenbanken, verbunden mit der Manipulation der Zinsen in Richtung Null, führten zwar zu unverhofftem Wohlstand, könnte uns aber demnächst als Bumerang um die Ohren fliegen. Beim Konsum wurden die Wünsche der nächsten zehn Jahre mit billigen Krediten vorgezogen (fehlende Nachfrage in den Folgejahren), kräftig verteuerte Immobilien wurden trotzdem gekauft, denn die Finanzierung hatte sich ja gravierend verbilligt und hohe Kredite bezahlbar gemacht.
So gaben die Gehälter auch noch das Leasing eines größeren Autos her und die Kreditlinie den Urlaub in exotische Länder oder teuren Schiffstouren. Da Spargelder keine Zinsen mehr brachten, wurde ein Teil konsumiert und/oder in riskantere Anlagen verschoben.

In der Industrie „rentierten“ sich aufgrund der niederen Zinsen plötzlich Objekte, die noch bei „normalen“ Zinsen als unrentabel verworfen wurden. Eine Wohlfühlgesellschaft vom Feinsten war entstanden. Mahner gegen diese Politik wurden als altbacken, neidisch und sogar als Verschwörungstheoretiker abgetan. Nun hat die Inflation seit 2021 uns zwischen 15 und 20 Prozent des Wohlstandes wieder gekostet. Schuld sind natürlich die anderen. Die Pandemie, die unterbrochenen Lieferketten, dann Putin, alles begleitet von steigenden Rohstoffpreisen und der Gier der Unternehmen, die nicht nur ihre höheren Kosten weitergegeben, sondern gleichzeitig ihre Margen ausgedehnt haben (Gierflation). Jetzt kommen noch die „überzogenen“ Lohnerhöhungen hinzu. Kein Einsehen, dass die maßlose Gelddruckerei der Grundstein für die Inflation war.

Nun „retten“ sie die Situation, in dem sie die Zinsen erhöhen. Die Rettung könnte schief gehen. Die Zinserhöhungen kamen zu spät, sie könnten zu hochgeschraubt und zu lange hochgehalten werden (Overkill). Denn alle, die in der oben genannten Dekade von tiefen Zinsen profitierten, werden jetzt von steigenden Zinsen getroffen. Die Konsumentenkredite können wegen steigender Schuldzinsen nicht mehr getilgt werden, Risikoobjekte gehen pleite, Zombiefirmen auch. Die Ausfallraten bei Anleihen steigen. Immobilienkredite können bei Prolongation zu höheren Konditionen nicht mehr bedient werden. Die Zwangsverkäufe steigen an, so dass die Immobilienpreise fallen. Damit auch die Verkehrswerte, die den Banken als Sicherheit dienen. Wegen der weltweit höchsten Verschuldung aller Zeiten, wirken sich hohe Kreditzinsen fatal aus. Trotzdem halten Fachkräftemangel, Lohnsteigerungen und Rohstoffpreise die Inflation hoch. Am Ende Kette kriseln die Kreditinstitute.

Wenn die Krise unabwendbar scheint, ist spätestens Zeit in Gold zu investieren. Doch wie man aus dem Chart erkennen kann, tun dies nicht die Anleger, sondern die Notenbanken, meist östliche. Dies nährt die Überlegung, die BRICS-Staaten könnten eine goldhinterlegte Verrechnungseinheit planen, auch, um der Vorherrschaft des US-Dollars zu begegnen. So könnte sich der Goldkurs in neue Höhen schwingen. Denn die BRICS-Staaten werden sicher auf Jahrzehnte keine Verkäufer sein. Eher das Gegenteil. Denn ein steigender Kurs würde deren Währung stärken. Die Goldproduktion ist am Peek. Und die Anleger haben oft verkauft. Ein riesiges Anlagepotential „wartet“ somit auf den Einstieg. Ob und vor allem wann der Startschuss fällt, weiß niemand. Man ist selten zu früh, aber immer zu spät.

Fazit

Gold ist keine Alternative zur Zinsanlage, obwohl bei langfristiger Betrachtung Gold eine überdurchschnittliche Rendite (seit 1971 über acht Prozent jährlich aufweist. Sie ist eine Vermögenssicherung in Krisenzeiten. Wenn die Krisen ausbrechen, ist es oft spät, und der Goldpreis schon kräftig gestiegen. Deshalb erscheint das Edelmetall für den Anleger schon zu teuer. Er will bei einem Rückschlag kaufen. Der aber nicht oder nicht ausreichend kommt. Erst wenn seine sonstigen Anlagen massiv gefallen sind und seine Angst um sein Geld zur Panik gereift ist, kauft er Gold, egal was es mittlerweile kostet.

Der Anleger muss jetzt entscheiden, wie realistisch er die Gefahren an den Kapitalmärkten einschätzt. Und, ob er denjenigen, die die prekäre Situation mitzuverantworten haben, zutraut, dass sie die Probleme lösen werden. Wer daran zu Recht zweifelt, muss sich mit einem Engagement in Goldanlagen befassen. Im Krisenfall ist es auch wichtig, wie hoch Edelmetalle im Vermögen gewichtet sind. Ich empfehle einen Anteil von bis zu 20 Prozent. Denn fünf Prozent helfen kaum. Physisches oder Xetra-Gold sind nach 12 Monaten Haltedauer Gewinne steuerfrei (Verluste können dann auch nicht mehr verrechnet werden), Aktien von Goldproduzenten sind relativ preiswert. Die Goldaktienfonds auch.
Wer Goldaktien kauft, sollte konservativ agieren. Mit Versicherungen spekuliert man nicht.
Die aktuelle kleine Schwäche könnte die letzte Chance auf diesem Kursniveau sein.

Kolumne von Rolf Ehlhardt, Vermögensverwalter, I.C.M. Independent Capital Management Vermögensberatung Mannheim GmbH.