Das letzte Zucken

29.06.2022

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Es war einmal keine Mär, dass sich mit klassischen Lebens- und Rentenversicherungen richtig viel Geld machen ließ – mit Renditen teils weit über 5 %. Dass auch der Vertrieb sich damit eine goldene Nase verdiente. Heute ist das eine Geschichte wie aus der Zeit gefallen. Der Markt ist fast komplett in sich zusammengebrochen. Doch Versicherer und Kunden haben sich damit abgefunden.

Jahrzehntelang galt die klassische Lebensversicherung als Garant für die Altersvorsorge der Deutschen. Doch in Zeiten anhaltend niedriger Zinsen wird sie mehr und mehr zum Auslaufmodell und mit der Absenkung des Höchstrechnungszinses zum 01.01.2022 auf nunmehr 0,25 % scheint ihre Zeit endgültig abgelaufen. Dieser Abwärtsspirale steht eine aktuell hohe Inflation von mehr als 5 % gegenüber. In diesem Spannungsfeld zwischen weniger Rendite auf der einen und Verteuerung von Waren und Dienstleistungen auf der anderen Seite, verliert das ehemals liebste Altersvorsorgeprodukt der Deutschen immer mehr an Attraktivität – und auch auf Anbieterseite hat die Zurückhaltung stark zugenommen. Während sich mit einer Garantie in Höhe des Höchstrechnungszinses in früheren Zeiten eine durchaus attraktive Verzinsung bot, ist mit einer Garantie von maximal 0,25 % vielfach nicht mal mehr ein vollständiger Beitragserhalt möglich. Durch die jüngste Absenkung des Höchstrechnungszinses verliert die Altersvorsorge klassischer Prägung weiter an Attraktivität. Dies zeigt sich auch an der seit Jahren rückläufigen Anzahl der Anbieter: So geben in einer aktuellen Studie des Rating-Unternehmens Assekurata zu Überschussbeteiligungen und Garantien mittlerweile nur noch 21 der teilnehmenden Unternehmen an, überhaupt klassische Tarife im Portfolio zu haben. Das ehemals bedeutendste Produkt im Neugeschäft, die klassische private Rentenversicherung, bieten dabei nur noch zwölf Gesellschaften an. Im Vergleich hierzu hatten zum Zeitpunkt der letzten Höchstrechnungszinsabsenkung (auf 0,90 %) zum 01.01.2017 noch 34 Unternehmen die private Rente im Neugeschäft angeboten. Dabei fällt auf, dass insbesondere die Absenkung des Höchstrechnungszinses im Geschäftsjahr 2017 wie ein Katalysator wirkte und die Anzahl der Klassik-Anbieter seinerzeit spürbar zurück ging.

Da geht kaum noch etwas

Da nicht alle Lebensversicherer an der Studie teilnahmen, lässt sich hieraus zwar keine vollständige Aussage für den Gesamtmarkt treffen, allerdings dürfte sich diese in der Tendenz sicherlich auf die allgemeine Marktentwicklung übertragen lassen. Das stark geschrumpfte Angebot zeigt, dass klassische Produkte aus Anbieterperspektive kaum noch von Relevanz sind. Gleichzeitig halten die Versicherer aber weiterhin große klassische Bestände in ihren Büchern, mehr als 40 Millionen Verträge, was rechnerisch einem Vertrag für jeden zweiten Bundesbürger gleichkommt. Somit verfügen die Lebensversicherer über einen erheblichen Kundenstamm, für den klassische Garantien und Überschussbeteiligungen nach wie vor von Bedeutung sind. Dabei ist aus Kundenperspektive insbesondere von Interesse, wie hoch Lebensversicherungsverträge unter dem Strich rentieren. In Zeiten niedriger Zinsen ist die Verzinsung hier seit Jahren konsequenterweise rückläufig. Als eine Art unverbindliche Effektivverzinsung auf die Kundenbeiträge kann die illustrierte Beitragsrendite interpretiert werden. Für die letzte bedeutende Höchstrechnungszinsgeneration der privaten Rentenversicherung von1,25 % liegt die illustrierte Beitragsrendite aktuell bei durchschnittlich 1,79 %. Während in Zeiten niedriger Inflation zumindest in den vergangenen Jahren oft noch ein realer Werterhalt erreicht werden konnte, hat sich die Situation mit der massiv angestiegenen Verteuerung geändert. Gemessen an der Inflation des Jahres 2021 in Höhe von 3,10 % geht mit einer klassischen privaten Rentenversicherung derzeit ein deutlicher Wertverlust einher, was die Attraktivität weiter schmälert.

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