Zurückhaltung vor dem Brexit

Stammhaus der Weberbank Berlin-Wilmersdorf

In drei Wochen herrscht endlich Klarheit, zwar noch nicht über den Fußball-Europameister, aber darüber, ob die Briten in der Europäischen Union verbleiben. Die Umfragen zeigen, dass sich die Lager der Befürworter und der Gegner immer noch ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern, wobei circa 10 Prozent noch unentschlossen sind.

Wir sind der Überzeugung, dass ein Austritt für das Vereinigte Königreich (UK) deutliche wirtschaftliche Nachteile haben wird. U. a. gehen Studien der Bank of England und des Internationalen Währungsfonds davon aus, dass jeder Brite das Äquivalent eines Monatsgehaltes einbüßen würde. Zudem würden lange Verhandlungen über die zukünftige Beziehung Großbritanniens zur EU folgen, die zwischenzeitlich für Unsicherheit bei Investoren und Konsumenten führen könnte. Bereits jetzt hat die Deutsche Börse die Entscheidung über eine Fusion mit der Londoner Börse vertagt. Auch diverse Gesetze, die auf EU-Vorgaben beruhen, würden sicherlich geändert. Insbesondere die wichtige Finanzbranche müsste sich neu organisieren. Zurzeit können die von London aus agierenden Banken ihr kontinentaleuropäisches Geschäft im Rahmen der sogenannten EU-Pass-Regelung betreiben. Entfällt dieser, müssten die Filialen innerhalb der EU neu organisiert und genehmigt werden. Auch aus diesem Grund ist die Finanzbranche gegen einen Austritt und hat bereits mit Konsequenzen gedroht. Profiteure hiervon könnten die Finanzplätze in Paris und Frankfurt sein. Zudem weist UK ein Leistungsbilanzdefizit auf, das durch das Ausland finanziert werden muss. Die Briten sind somit auf ausländisches Kapital, insbesondere aus der EU, angewiesen. Ein Austritt dürfte aber zumindest kurz- bis mittelfristig diese Kapitalströme stören. Leider wird der Kampf um die Stimmen nicht auf rationaler, sondern auf emotionaler Ebene geführt und Themen, wie Flüchtlinge und die Zuwanderung aus der Ost-EU haben ein entsprechend hohes Gewicht. Eine Prognose über den Ausgang der Volksabstimmung können wir an dieser Stelle nicht geben. Zwar haben die Ergebnisse bisheriger Umfragen, z.B. zum Ausgang der letzten Unterhaus-Wahl oder zur Unabhängigkeit Schottlands gezeigt, dass diese deutlich falsch liegen können. Der Kapitalmarkt scheint aber die Wahrscheinlichkeit eines Austritts allmählich auszupreisen. So gehen die Risikoaufschläge für britische Anleihen zurück, das britische Pfund steigt gegenüber dem Euro und auch der britische Aktienmarkt zeigt sich bisher insgesamt relativ unbeeindruckt. Anleger sollten sich auf dieses mögliche Ereignisrisiko einstellen. Kommt es zu einem Austritt, könnte dies für Turbulenzen an den Märkten sorgen. Diese Möglichkeit könnte auch die amerikanische Notenbank bewegen, so dass wir von ihr keine Zinserhöhung vor dem Brexit-Entscheid erwarten. Die größten Verwerfungen erwarten wir in Europa, so dass eine mögliche Strategie darin bestehen kann, dass man die Risiken in Europa, sowohl auf der Aktien- als auch auf der Rentenseite, reduziert. Der Aufbau von Liquidität wäre bei einem Verbleib und dann ggf. steigenden Märkten kontraproduktiv. Sinnvoller ist aus unserer Sicht, dass der Anleger das positive wirtschaftliche Umfeld in den USA nutzt und die US-Aktien-Quote zulasten der europäischen Allokation deutlich ausbaut. Die Erfahrung zeigt, dass der amerikanische Aktienmarkt sich robuster gegenüber europäischen Krisen zeigt. Auf der Rentenseite erscheint es sinnvoll, Positionen im britischen Pfund und britischer Emittenten zu reduzieren. Da ebenfalls ein Anstieg der Risikoaversion zu erwarten wäre, sollten Anlagen, die unter einem Anstieg der Risikoprämien/-aufschläge besonders leiden, ebenfalls reduziert werden. Hierzu zählen u. a. Wandelanleihen, Anleihen der EU-Peripherieländer und Anleihen minderer Bonitäten. Im Gegensatz zu den Aktien ist hier die Liquidität gegenüber anderen Rentenanlagen zu bevorzugen. So könnten Bundesanleihen in ihrer Wahrnehmung als „sicherer Hafen“ zwar zu den Profiteuren bei einem Austritt gehören, allerdings muss der Anleger niedrige bis negative Renditen in Kauf nehmen, und zu lange Laufzeiten bergen das Risiko von Kursverlusten bei Renditeanstiegen. Bei einem Verbleib UKs in der EU sollte die Risikoaversion abnehmen und die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung in den USA zunehmen, die auch Einfluss auf die Bundrenditen haben dürfte. Der obige Absatz beschreibt nur Handlungsalternativen zur Vorbereitung auf einen möglichen Brexit und ist keine Abkehr von unserer übergeordneten Meinung eines weltweit moderaten Wirtschaftswachstums. Der US-Dollar sollte mit den Zinsfantasien gegenüber dem Euro an Stärke gewinnen, und auch die Gewinnschätzungen der Analysten für die Unternehmen dies- und jenseits des Atlantiks weisen inzwischen wieder positive Tendenzen auf.

Autor des Kommentars der Weberbank ist: Thorsten Hampe, CEFA

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