WM oder Olympische Spiele – Brasilien verliert

Brasilien leidet unter Olympia
Unter der Jesus Statue in Rio de Janeiro gibt es Hoffnung und Risiken © artphotoclub - Fotolia.com

Die olympischen Spiele sind noch nicht eröffnet, da warnen die Experten vor den wirtschaftlichen Folgen. Nach dem Debakel Fußball-Weltmeisterschaft wäre das bereits die zweite Niederlage.

2016-08-01 (fw/db) Die brasilianische Wirtschaft zieht – wie auch die meisten früheren Gastgeber – keinen wirtschaftlichen Nutzen aus dem Mega-Event der Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro. Im Gegenteil: Zusätzliche Insolvenzen stehen nach den Spielen ins Haus, insbesondere in Rio selbst. Zu diesem Fazit kommt der weltweit führende Kreditversicherer Euler Hermes, eine Tochter der Allianz SE, in seiner jüngsten Studie „The Olympics: A false (economic) start for Brazil“. Zudem steige die Inflation durch die Olympiade zusätzlich an, die Staatsverschuldung wachse noch rasanter, so dass Rio de Janeiro bereits einen „finanziellen Notstand“ ausgerufen hat und vom Staat mit einem Rettungspaket in Höhe von 2,9 Milliarden Brasilianischer Reals (BRL) unterstützt werden musste.

Insolvenz durch Olympia: Kleinunternehmen geht die Puste aus

„Rio 2016 ist für die Brasilianer wirtschaftlich ein Fehlstart. Im Vorfeld der Spiele sind eine Vielzahl an Klein- und Kleinstunternehmen wie Pilze aus dem Boden geschossen, in einer ersten Welle rund um das Baugewerbe und in einer zweiten Welle in den touristischen Bereichen wie Unterbringung, Lebensmittel und Gastronomie, Transport, Dienstleistungen, Freizeitunternehmungen oder Kommunikationsservices. Neugründungen sind per se häufig stark gefährdet. Durch die hohen Mietkosten, eine möglicherweise falsche Positionierung am Markt, einseitige Geschäftsmodelle und einen erschwerten Zugang zu Finanzierung oder öffentlichen Ausschreibungen sind diese Kleinunternehmen häufig die ersten, denen nach dem Mega-Event die Puste ausgeht. Allein durch Olympia rechnen wir in Rio mit zusätzlichen fünf Prozent Pleiten, bei den Kleinunternehmen sogar ein Plus von zwölf Prozent“, kommentiert Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Euler Hermes Gruppe, die Studie. Die deutlich verschlechterte Zahlungsmoral und Insolvenzen machen jedoch dem ganzen Land zu schaffen. Landesweit steigen Insolvenzen 2016 nach Einschätzung von Euler Hermes um 22 Prozent. Hauptgrund ist die tiefe Rezession in Brasilien.

Staatsverschuldung und Inflation steigen – kaum Wirkung auf Jobs und Wachstum

„Konsum und Investitionen haben zwar einen leicht positiven Effekt auf das Wirtschaftswachstum, aber dies reicht bei Weitem nicht aus, um die tiefe Rezession in Brasilien auszugleichen“, sagte Subran. „Die positiven Effekte sind homöopathisch und damit praktisch vernachlässigbar. Hinzu kommt ein negativer Einfluss auf die Inflation. Dieser wird auch in den kommenden Jahren noch spürbar sein wird und addiert sich zu den immer noch nachwirkenden inflationären Auswirkungen der Fußball-WM 2014.“ Bereits seit 2012 haben die beiden Mega-Sportevents einen merklichen Einfluss auf die steigende Inflation im Land. Seinen Zenit erreicht der Effekt mit einem zusätzlichen Anstieg um einen Prozentpunkt (pp) 2016 und 2017. Nachwirkungen bei der brasilianischen Teuerungsrate werden aber noch bis 2020 spürbar sein, meinen die Kreditexperten. 2016 steigt die Inflation voraussichtlich um 8,6 Prozent an. Das ist zwar etwas langsamer als im Vorjahr mit noch neun Prozent, aber dennoch weit über dem Ziel der Zentralbank von 4,5 Prozent Zuwachs.

Verschuldung 2016 doppelt so hoch wie Steuereinnahmen

„Die zusätzliche öffentliche Verschuldung ist ebenfalls ein beunruhigender Trend“, sagte Subran. „Sie steigt in 2016 voraussichtlich auf 89 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und erreicht 2017 fast die 100 Prozent Grenze. 2015 lag sie noch bei 73 Prozent. Besonders prekär ist die Lage im Bundesstaat Rio de Janeiro. Dort steigt die Verschuldung um kräftige 17 Prozent an – auf das Doppelte der Steuereinnahmen. In den letzten Monaten hat Rio daher den Finanznotstand ausgerufen und der Staat musste zur Hilfe eilen, um die rechtzeitige Fertigstellung der Infrastrukturprojekte für die Spiele sicher zu stellen.“

Arbeitslosigkeit steigt weiter deutlich an

Wie bei Wachstum, Investitionen, Konsum und Bruttoinlandsprodukt sind die positiven Auswirkungen der Olympischen Spiele auf den Arbeitsmarkt fast vernachlässigbar. „Olympia schafft rund 120.000 zusätzliche Jobs“, sagte Subran. „Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts der rund 100 Millionen Arbeitskräfte im Land. Das ist weniger als 0,1 Prozent. In Rio mit rund 8,1 Millionen Arbeitskräften sind es ebenfalls lediglich 1,5 Prozent. Zudem sind mehr als 80% der Arbeitsplätze, die durch die Spiele entstanden sind, nicht dauerhaft und können so der deutlich steigenden Arbeitslosigkeit kaum etwas entgegen setzen. Die Arbeitslosenquote wird 2016 voraussichtlich von 8 auf 11 Prozent ansteigen, in 2017 rechnen wir sogar mit 12,8 Prozent.“