„Wir erwarten kurzfristig eine Disinflation“

Christian Schmitt (li.) und Volker Schmidt (re.) Senior Portfolio Managers, ETHENEA Independent Investors / Foto: © ETHENEA

Um die wirtschaftlichen Schäden der Corona-Pandemie in Griff zu bekommen, wurden zahlreiche Konjunktur- und Hilfsprogramme aufgelegt. Könnte das auch zu einer anziehenden Inflation führen? Die Experten aus dem Hause ETHENEA rechnen hingegen eher mit einer Disinflation. Bezüglich der Markterwartungen der kommenden Monate betonen die Interviewpartner Volker Schmidt und Christian Schmitt, Senior Portfolio Managers, ETHENEA Independent Investors, die Abwärtsrisiken angesichts der teilweise deutlich gestiegenen Kurse.

finanzwelt: Was halten Sie vom Merkel/Macron-Vorschlag?

Volker Schmidt: Der Vorschlag eignet sich sehr gut, um die wirtschaftliche Erholung nach dem pandemiebedingten Einbruch zu unterstützen. Die Summe von EUR 500 Milliarden ist substantiell, da dies immerhin 3,5 Prozent des Bruttosozialproduktes der Europäischen Union aus dem Jahre 2019 entspricht. Insbesondere Länder, die von der aktuellen Krise stark betroffen sind und über geringere Finanzmittel verfügen, werden hiervon profitieren, da die Hilfsmittel nicht zurückgezahlt werden müssen. Die Zweckbindung der Zuschüsse, insbesondere an die Verwendung zum Ausbau der digitalen Infrastruktur, verbessert die Voraussetzungen den technologischen Wandel zu bewältigen und mit zukünftigen Pandemien besser umgehen zu können.

finanzwelt: Ist die Antwort, die die EZB auf die Pandemie gibt, ausreichend? Glauben Sie, dass es notwendig sein wird, dass die EZB ihr PEPP-Programm oder ihre Liquiditätsmaßnahmen ausbaut?

Schmidt: Die Ankaufprogramme der EZB haben bereits jetzt die Refinanzierungskosten von Staaten und Unternehmen wieder deutlich gesenkt. Große Unternehmen haben außerdem die durch die Kaufprogramme geschaffenen Möglichkeiten genutzt, um weitere Liquidität am Kapitalmarkt aufzunehmen. Direkt, aber auch indirekt, hatte dies wichtige positive Auswirkungen. Mit der Liquidität konnten die Unternehmen ihre zuvor gezogenen Kreditlinien zurückzahlen und so ihre Banken entlasten. Zudem haben sie die offenen Forderungen ihrer Zulieferer beglichen und damit auch kleinere Unternehmen unterstützt. Der Unternehmenssektor sollte also bereits jetzt wieder über ausreichend Liquidität und Refinanzierungsmöglichkeiten verfügen, so dass keine weiteren Unterstützungen durch die EZB mehr nötig sind. Allerdings werden sich die Staatsfinanzen in den kommenden Monaten immer weiter verschlechtern, da einerseits Steuereinnahmen sinken werden und andererseits vermehrt Mittel aufgebracht werden müssen, um die Konjunktur anzukurbeln. Hier ist unklar, inwieweit das PEPP ausreichend ist, um insbesondere hoch verschuldeten Staaten, wie z.B. Italien, dauerhaft niedrige Finanzierungskosten zu ermöglichen.

finanzwelt: Ist infolge der Konjunktur- und Hilfsprogramme mit einer anziehenden Inflation zu rechnen?

Schmidt: Wir erwarten in den kommenden Monaten eher eine Disinflation. Kurz- bis mittelfristig wird die gesunkene Nachfrage die Preise eher niedrig halten. Die temporäre Unterbrechung einiger Lieferketten hat dagegen nur bei einer geringen Anzahl von Gütern zu Preisanstiegen geführt, welche sich auch bald wieder normalisieren werden. Bis die Konjunktur- und Hilfsprogramme eine inflationäre Wirkung entfalten, wird es noch sehr lange dauern, denn die wirtschaftliche Erholung nach der COVID-19-Krise wird sich länger hinziehen als nach der Lehman-Pleite und der damit verbundenen Globalen Finanzkrise. Ob es dann überhaupt zu einer spürbaren Inflation kommt, ist nicht sicher.

finanzwelt: Wie schauen Sie angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Situation auf die Aktienmärkte?

Christian Schmitt: Die Entwicklung der COVID-19-Krise vollzog sich seit Ende Februar mit atemberaubender Geschwindigkeit. Mit einem solch rapiden und deutlichen Einbruch der Realwirtschaft und den entsprechenden Reaktionen der Kapitalmärkte hatte zunächst kaum jemand gerechnet. Die beispiellosen monetären und fiskalpolitischen Antworten seitens der Notenbanken und Staaten waren da gerade richtig und wichtig. Die panikartigen Ausverkäufe, von denen keine Anlage – auch nicht Gold – verschont blieb, konnten erst mit dem beherzten Einschreiten der Notenbanken gestoppt werden. Damit gingen dann auch die Aktienmärkte Ende März in eine Gegenbewegung über, die aber viel differenzierter ausfiel als in der vorangegangenen Abwärtsbewegung. Jetzt blicken wir, wie alle Anleger, auf die mittel- bis längerfristigen Aussichten. Für uns überwiegen aus ökonomischer Sicht ganz klar die Abwärtsrisiken. Die gesamte Situation ist extrem komplex, ohne historischen Vergleich und daher für alle Marktteilnehmer mit Unsicherheit verbunden. In einem solchen Umfeld könnten Aktienmärkte durchaus noch einmal unter Druck geraten. Kurzum: Wir halten Rückschläge jederzeit für möglich. Dementsprechend bleiben wir weiterhin sehr wachsam. (ah)