Wie weit darf KI im Finanzsektor gehen?

Künstliche Intelligenz mit menschlichem Augenmaß

Was wir also brauchen, ist ein fruchtbares Zusammenspiel von künstlicher und menschlicher Intelligenz. Im September 2019 befragten wir knapp 100 Investment Professionals in Deutschland zum Thema KI: 61 Prozent von ihnen gehen davon aus, dass KI sich „stark“ oder „sehr stark“ auf die Finanzbranche auswirken wird. Eine Mehrheit der Befragten ist auch offen dafür, KI-Systeme in das eigene tägliche Arbeiten zu integrieren (60 Prozent). Aber – und hier liegt die Crux – nur 32 Prozent schätzen ihre Kompetenz im Umgang mit KI als „hoch“ oder „sehr hoch“ ein. Solange diese Lücke zwischen „Wollen“ und „Können“ besteht, können wir die erforderliche menschliche Qualitätskontrolle der intelligenten Maschinen nicht erreichen. Hier ist fachliche Weiterbildung und Qualifizierung gefordert.

Mit dem Aufstieg der Maschinen gewinnen zugleich die spezifisch menschlichen Fähigkeiten an Bedeutung, wie Empathie, Ethik und „zwischen den Zeilen lesen“-Können. Für Investmentexperten, Finanz-, Versicherungs- und Anlageberater, Fondsmanager etc. heißt das, dass die sogenannten Soft Skills künftig wichtiger sein werden als Zahlenakrobatik und Excel-Künste.

Darüber hinaus benötigen wir Regulierungsbehörden, die schnell handeln und einheitliche Spielregeln festlegen. Die Europäische Union hat Anfang dieses Jahres einen bemerkenswerten ersten Schritt in diese Richtung getan, indem sie “ethische Leitlinien für die Entwicklung vertrauenswürdiger KI” veröffentlichte, die unter anderem die Bedeutung menschlichen Handelns und menschlicher Aufsicht sowie die Wahrung von Rechenschaftspflichten, Transparenz und Privatsphäre beinhalten. Diese Leitlinien sind jedoch noch nicht rechtsverbindlich. Und solange die führenden Akteure in Sachen technologischer Innovation, China und die USA, nicht ähnliche Schritte unternehmen, werden wir uns weiterhin eine Aufholjagd mit den Maschinen liefern.

Wir brauchen die Sicherheit, dass Algorithmen und Datensätze angemessen getestet, auf Qualität untersucht und regelmäßig geprüft werden. Denn am Ende wollen wir doch alle sicher sein, dass die diversen „Alexas“ und „Siris“,  mit denen wir es zu tun haben, wirklich nur unser Bestes wollen.

Gastbeitrag von Susan Spinner, CFA,
geschäftsführende Vorstandsvorsitzende CFA Society Germany