Wie soll Armut definiert werden?

Wer als "arm" und wer als "wohlhabend" bezeichnet wird, ist immer eine Frage der Definition / Foto: © Thomas Reimer-fotolia.com

Laut Deutschem Institut für Altersvorsorge ist für die Bestimmung des Armutsrisikos auch immer eine Berücksichtigung der spezifischen Lebensumstände entscheidend. Private Vorsorge und eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit können das Risiko für Altersarmut senken.

Absolute Armut ist in Europa nur wenig vorhanden, relative Armut hingegen schon. So gilt per Definition als armutsgefährdet, wer weniger als 60 % des Medians beim sogenannten Äquivalenzeinkommen bezieht. Dabei werden zwar die unterschiedlichen Haushaltsgrößen berücksichtigt, jedoch keine regionalen Unterschiede, denn die Bezugsgröße Äquivalenzeinkommen wird landesweit bestimmt. Jedoch ist auch das Preisniveau innerhalb einzelner Regionen unterschiedlich. Dies ist aufgrund von 40 Jahren sehr unterschiedlicher Wirtschaftssysteme vor allem in Deutschland der Fall. Aus diesem Grund hat das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) in einer Studie untersucht, in welchem Umfang die spezifischen Lebensumstände bei der Ermittlung von Einkommensarmut berücksichtigt werden sollen.

Ein wesentliches Ergebnis der Studie: Bei unterschiedlichen Armutsschwellen für die alten und die neuen Bundesländer wären Ostdeutsche weit seltener einem Armutsrisiko ausgesetzt als Westdeutsche. Das gilt besonders für Senioren. So wären bei einer einheitlichen Armutsschwelle 18,5 % der mindestens 65-jährigen armutsgefährdet, bei getrennten Schwellenwerten würde der Anteil der Armutsgefährdeten leicht fallen und läge dann bei 17,9 %. Wenn jedoch eine spezifische Armutsgrenze für die neuen Bundesländer zu Grunde gelegt würde, dann wären nur noch 12,7 % der Ostdeutschen Senioren armutsgefährdet. Ein erheblicher Unterschied zu den 24 % armutsgefährdeten Ostdeutschen bei einer bundeseinheitlichen Grenze. Da die gesamtdeutsche Armutsschwelle sehr dicht bei der westdeutschen Armutsschwelle liegt, bleibt in den alten Bundesländern auch bei einer getrennten Betrachtung des Armutsrisikos die Anzahl der armutsgefährdeten fast gleich.

„Es gibt kein richtig oder falsch für diesen Wert, aber man sollte sich immer der Auswirkungen der gewählten Grenze bewusst sein, damit die Ergebnisse richtig eingeordnet werden können“, gibt DIA-Sprecher Klaus Morgenstern zu bedenken. Die Studie weist daraufhin, dass die Europäische Union zur Berechnung nationaler Armutsquoten ebenfalls nationale Schwellen heranzieht. „Würde man sich auf eine EU-weit einheitliche Schwelle stützen, läge die Quote in Osteuropa vermutlich weitaus höher und in Deutschland deutlich niedriger“, gibt Studienautor Dr. Reiner Braun zu denken. Die Frage sei daher immer, welche Art von Ausgrenzung man vergleichen will. „Vergleicht ein Bulgare seine Lebenssituation eher mit denen der Deutschen oder der Sachse seine Situation mit dem Bayern.“

Deshalb plädiert das DIA dafür, bei der Bestimmung von Armut auch die Lebensverhältnisse mit einzubeziehen. Ohnehin gibt es regelmäßig Diskussionen darüber, ob auch bei der Festlegung der Grundsicherung und anderer Sozialleistungen die regional unterschiedlichen Preise von Gütern und Dienstleistungen berücksichtigt werden sollen. Dies macht der Staat bereits bei der Bemessung der Kosten für die Unterkunft, indem diese Kosten komplett übernommen werden.

Lebensarbeitszeit entscheidend

Für die Zukunft mal die Studie eher ein negatives Bild, denn sie geht davon aus, dass das Risiko für Altersarmut in Zukunft um ein Drittel zunehmen würde. Dem sei nur durch eine Verhaltensänderung vorzubeugen – also entweder länger arbeiten oder mehr private Vorsorge. Besonders der Lebensarbeitszeit wird eine hohe Bedeutung beigemessen: Wenn die Menschen länger arbeiten, könnte das Armutsrisiko leicht sinken, bei einer Verkürzung würde das Armutsrisiko hingegen deutlich steigen. (ahu)

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