Wie lange geht das InsurTech-Wachstum weiter?

Die Experten haben entlang der Wertschöpfungskette 19 Geschäftsfelder für InsurTechs identifiziert. Aufgrund ihrer Beliebtheit tendenziell überbelegt könnten digitale „Full-Stack-Carrier“ sein, also volldigitale Versicherungsunternehmen mit Niedrigkostenstrategie und solche Lösungen, die den Versicherungsvertrieb technisch unterstützen. „Hier stehen die Zeichen eher auf Stagnation. Einige Marktteilnehmer werden ausscheiden oder ihr Geschäftsmodell in lukrativere Felder verlagern“, sagt Kottmann. Die Experten konnten bei verschiedenen Marktteilnehmern bereits dieses sogenannte „Pivotieren“ beobachten. Hohes Potenzial bieten dagegen Innovationen in Bereichen, die innovative Lösungen aus einer Kombination von Versicherungswissen und Technologie erfordern. Kottmann: „Echte Innovationen sind hier noch rar gesät. Bei innovativen Angeboten wie Risikopartnermodellen oder ‚erlebter Sicherheit‘ sowie in Versicherungs-Kernaufgaben wie Antrag bzw. Underwriting oder Schadensabwicklung erwarten wir daher Gründungen, die technologiegetriebene Innovationen nutzen.“ Zuletzt wurde es um die Markteintritte ausländischer InsurTechs etwas ruhiger, sodass mutige Gründer auf diesem Feld noch viele Chancen vorfinden.

Wer soll das Wachstum finanzieren?

Das Wachstum der InsurTechs könnte aber aus finanziellen Gründen begrenzt sein. So wurde im Rahmen der Studie eine Umfrage durchgeführt, um festzustellen, was die Gründer mit Blick auf das Kapital umtreibt. Zentrales Ergebnis der Befragung, an der 36 deutsche InsurTechs teilnahmen: „Es fehlt an Kapital speziell im Bereich hoher Anschlussfinanzierungen“, so Dördrechter. „Das Potenzial der aktuellen Investorenlandschaft genügt nicht. Auch von staatlicher Seite gibt es verglichen mit anderen Ländern derzeit noch zu wenig Unterstützung.“ So empfinden ca. 70 % der Gründer die staatliche Förderung in Deutschland für nicht ausreichend. Sie fürchten deshalb, dass Deutschland im Vergleich zu den USA den Anschluss verlieren könnte.

Dabei ist das erste Geld schnell zusammen: Werden weniger als 250.000 Euro benötigt, sieht nur jeder vierte Befragte Probleme. Finanzierungsrunden, in denen es um zwei Millionen Euro oder mehr geht, werden von zwei Dritteln als schwierig oder sehr schwierig angesehen. „Damit fehlt Geld für die Wachstumsphase. Marktdurchdringung oder internationale Expansion werden erschwert“, sagt Dördrechter. Die Situation dürfte sich auch nicht kurzfristig ändern, denn nur ein Drittel rechnet damit, dass sich die Finanzierungsfrage binnen Jahresfrist entspannen wird. Auch glauben 94 % der Befragten nicht, dass es in Zukunft mehr staatliche Förderprogramme für InsurTechs geben wird.

Bevorzugte Kapitalgeber

Die Umfrageteilnehmer erwarten den größten finanziellen Schub von Venture-Capital-Programmen von traditionellen Versicherern aus dem Inland (71 %) und dem Ausland (82 %). Jedoch zeigt die Umfrage auch, dass die InsurTech-Gründer nicht unbedingt von Primärversicherern finanziert werden wollen. So können 75 % der Befragten dieser Variante nichts Positives abgewinnen. „Unter den Skeptikern lehnen 28 % eine solche Beteiligung sogar kategorisch ab. Man fürchtet um Kundenbeziehungen, einen Verlust von Freiheit und Agilität und unterstellt zudem eine negative Auswirkung auf Folgefinanzierungen“, erklärt Kottmann.

Deutlich offener sind die InsurTech-Gründer gegenüber der Beteiligung von Rückversichern, wohl weil man diesen mehr Abstand zum operativen InsurTech-Geschäft unterstellen kann. So sind 44 % der Befragten der Meinung, dass ein Einstieg eines Rückversicherers in ihre InsurTech positiv wäre, 22 % empfänden dies sogar als optimal. „Für Primärversicherer eine bittere Pille“, sagt Kottmann: „In Beteiligungsfragen öffnet sich eine Schere: Einerseits stehen immer mehr Finanzierungsvehikel von Primärversicherern bereit. Andererseits wächst das Unwohlsein der InsurTechs, von eben diesem Kapital Gebrauch zu machen. Diese Diskrepanz zwischen Wollen und Zurückweisung wird langfristig zu Enttäuschungen führen.“ Was die Folgen angeht, legen sich Kottmann und Dördrechter fest: In fünf bis zehn Jahren werden wohl nur noch wenige Primärversicherer eigene Finanzierungsvehikel anbieten. (ahu)

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