Werden die Zinsmärkte zum Risiko?

Seit 1990 lebt der Rentenmarkt im Schlaraffenland. Die Umlaufrendite ist in Deutschland von ca. neun Prozent auf unter 0,5 Prozent gefallen. Langlaufende Anleihen weisen meist hohe Kursgewinne aus. Aber der Zins, der eigentlich ein Ausgleich für das eingegangene Risiko des Anlegers darstellen soll, tendiert gegen Null. Fazit: „Game over“!!

Zukünftig werden Kursgewinne kaum noch zu erzielen sein. Im Gegenteil. Langlaufende Anleihen werden bei kleinsten Zinssteigerungen ins Kursminus laufen. Die Risikoprämien rund um den Erdball sind geschrumpft. Was für „Häuslebauer“ oder für die Staatsfinanzierung ein Segen ist, wird für andere zum Dilemma. Sparer müssen zukünftig nach Kosten, Steuern und Inflation Kaufkraftverluste hinnehmen.

Bausparkassen und Lebensversicherungen (LV) kämpfen um das Überleben ihrer „Modelle“. Und wer vor etlichen Jahren mit der beliebten Finanzierungsvariante „Tilgungsaussetzung und Abschluss einer LV“ sein Haus finanziert hat, wird demnächst feststellen, dass durch die reduzierte Ablaufleistung der LV (mangels hoher Zinsen zum Laufzeitende) im Rentenalter noch Kredit „übrig“ ist.

Stiftungen, die überwiegend in Renten investiert sind, werden ihre Aufgaben, meist soziale Projekte, nur noch begrenzt oder auch gar nicht mehr wahrnehmen können. Pensionsfonds haben Probleme ihre Zusagen zu erfüllen. Aus Anlegersicht macht es also keinen Sinn mehr, Anleihen zu kaufen. Aus einem risikolosen Zins ist für den Investor ein zinsloses Risiko geworden. Um doch noch einen „erträglichen“ Zins zu erzielen, begehen manche Anleger den Fehler, die Bonitätsrisiken zu erhöhen. Das kann fatal enden.

Aber nicht nur Anleger werden zu Fehlern verleitet. Schwellenländer haben über Kredite Infrastrukturen und Arbeitsplätze ausgebaut. Die Bedienung der Schulden setzt aber ein erhöhtes Mindestwachstum der Wirtschaft voraus. Rohstoffproduzenten haben Kapazitäten mit Krediten erhöht, die auf eine steigende Nachfrage ausgerichtet sind. Beide Voraussetzungen werden zur Zeit nicht erfüllt.

Die Preise der Rohstoffe fallen seit 2011. Da hilft der niedere Kreditzins. Diese „Karte“ ist aber jetzt gespielt. Das Überleben einzelner Gesellschaften (und damit deren Anleihen) hängt evtl. an dem berühmten seidenen Faden. Die Fracking-Industrie, die sich in hohem Maße am Kapitalmarkt refinanziert hat, kann trotz Minizinsen bei einem Ölpreis unter 60 US-Dollar dauerhaft nicht bestehen.

Um eine Anleger freundliche Verzinsung darstellen zu können, haben zahlreiche Anleihefonds in ihren Portfolios, mittels Verschuldung und Derivatepositionen, einen Leverage (geschätzt 1,5 Bill. US-Dollar) aufgebaut. Jüngst sind die Kurse der „High Yield Bonds“ schon teilweise kräftig eingeknickt. Sind das, bei gleichzeitig anziehenden Goldnotierungen, erhöhter Volatilität an den Aktienmärkten erste Zeichen steigender Risikoaversionen?
Noch geht der Kapitalmarkt davon aus, dass die Notenbanken notfalls eingreifen. Diese werden aber durch die fehlende Unterstützung der Staaten langsam entkräftet. Die Wirkung der expansiven Geldpolitik lässt nach. Es wird immer mehr Geld benötigt, um noch ein wenig Wachstum zu generieren (Ein US-Dollar bewirkt ca. 0,34 Prozent Wachstum). Die Regierungen verweigern die Umsetzung notwendiger Reformen. Sie wären zwar nötig, sind aber auch meist unpopulär. Für die Politiker ist es also einfacher (sie wollen ja wiedergewählt werden) die Missstände bei niederen Zinsen weiter zu finanzieren und mitzuschleppen.

Jetzt macht sich auch der IWF Sorgen. Das Wachstum der Schwellenländer ist im fünften Jahr rückläufig, ausgelöst oder beeinflusst durch den Preisverfall der Rohstoffe und finanziert über einen noch nie dagewesenen Kreditboom. Zusätzlich könnte mangelnde Liquidität am Rentenmarkt zum Problem werden.

Computergesteuerte Verkaufsprogramme könnten zu einem „Flash-Crash“ führen und einen riesigen Börsenschock auslösen. Dass diese Befürchtungen keine Hirngespinste sind, beweisen die Ereignisse am US-Rentenmarkt im Oktober 2014 und am Aktienmarkt im August 2015. Auch in Deutschland hat es schon Ansatzpunkte gegeben, als im April 2015 der Bund-Future von 160 auf 150 einbrach. Trotzdem sind fast alle Marktteilnehmer der Ansicht, dass die Zinsen nicht steigen können, weil sie nicht steigen dürfen.

Ein unerwartetes Ereignis, das abrupte Zinssteigerungen auslöst, würde die große Mehrheit der Börsianer auf dem falschen Fuß erwischen. Plötzlich stark steigende Risikoprämien (Zinsen) bei gleichzeitig schwindender Liquidität der Märkte könnten einen Teufelskreis aus erhöhter Volatilität, Rückzug und Verweigerung der Anleger sowie Notverkäufen von Kreditpositionen zur Folge haben. Zukünftig müssen also auch Käufer von Anleihen mit großen Schwankungen ihres Rentenportfolios rechnen. Daher gilt auch hier: Qualität geht vor Rendite. Aber: Bei einer Null-Rendite erscheint ein Rentendepot nur wenig sinnvoll.

Wer meine Empfehlung aus der Kolumne vom 5. Oktober 2015 umgesetzt hat, konnte seine Goldkäufe bei 1.135 US-Dollar vornehmen. Auch aktuelle Kurse sollten kein Hindernis sein, die Strategie umzusetzen. Neue Tiefstkurse sind zwar noch nicht aus der Welt, aber etwas unwahrscheinlicher geworden. Gold ist in dieser kreditüberfinanzierten Welt die ideale Diversifikation. Denn: Gold hat keine Schulden!

Autor: Rolf Ehlhardt, Vermögensverwalter bei der I.C.M.