Weberbank: Finanzmarkt aktuell

Johannes Flieckenschildt, Weberbank

„Tut sie es oder tut sie es (noch) nicht?“ – das war die große Frage, die die Finanzmärkte in der letzten Woche bewegte, als in Jackson Hole, einem Tal in den Rocky Mountains, die großen Themen der Geldpolitik von den Notenbankern und Finanzexperten aus aller Welt diskutiert wurden.

Worauf die Frage natürlich abzielte, ist das konkrete Tagesgeschäft und die Frage, ob die Leitzinsen in den USA erhöht werden. Dementsprechend wurde die Rede der Chefin der amerikanischen Notenbank (Fed), Janet Yellen, mit Argusaugen hinsichtlich möglicher Signale beobachtet. Am Ende wies sie zwar auf das verbesserte volkswirtschaftliche Umfeld hin, was für eine weitere Zinserhöhung in naher Zukunft spricht, betonte aber gleichzeitig die Relevanz kommender Daten, wozu auch der bevorstehende Arbeitsmarktbericht zählt. Wir sehen die wirtschaftliche Entwicklung in den USA derzeit ebenfalls moderat positiv und erwarten deswegen, dass die Fed in diesem Jahr einen weiteren Zinsschritt vornehmen wird. Tendenziell rechnen wir aber nicht vor den US-Präsidentschaftswahlen damit, dafür aber wahrscheinlich bei ihrer Dezembersitzung. Vor diesem Hintergrund ist ebenfalls interessant, was die europäische Zentralbank (EZB) unter der Führung Mario Draghis bei ihrer nächsten Sitzung am kommenden Donnerstag signalisiert oder gar beschließt. Die Verlängerung des im März 2017 auslaufenden Anleihekaufprogramms steht noch aus. Die Entscheidungsgrundlage hierfür bildet die Inflation, die derzeit bei 0,2 Prozent liegt und unserer Einschätzung nach zum Ende des Jahres moderat ansteigen sollte, wobei stabile Ölpreise Voraussetzung sind. Weil die Zielmarke von 2 Prozent aber noch nicht in Sichtweite ist, erwarten wir, dass die expansive Geldpolitik der EZB mittelfristig nicht beendet werden wird. Was bei der Analyse der Geldpolitik in der USA und in Europa auffällt, ist, dass sie in ihrer Stoßrichtung derzeit divergieren: Die USA tendenziell restriktiver und Europa weiterhin expansiv. Für das Währungspaar EUR-USD sind wir derzeit neutral gestimmt, jedoch könnten weitere unerwartete geldpolitische Divergenzen für eine US-Dollar- Aufwertung sorgen. Der Grund ist, dass höhere Zinsen attraktiv für ausländische Investoren sind und somit die Nachfrage nach amerikanischen Devisen fördern. Am Aktienmarkt favorisieren wir derzeit den Heimatmarkt, denn auch wenn der ifo-Geschäftsklimaindex diesen Monat deutlich schlechter war als im Vormonat, zeigen die deutschen Einkaufsmanagerumfragen und weitere fundamentale Daten in Richtung Prosperität. Dieses Bild wird durch die Wertentwicklung des DAX nach dem Brexit untermauert, die im Vergleich zu der seines europäischen Pendants, dem Stoxx50, eindeutig besser verlief. Ähnliches gilt für den amerikanischen Aktienmarkt, den wir weiterhin übergewichten. Neben steigenden Gewinnschätzungen der Analysten sehen wir hier auch die sich wieder stabilisierenden Gewinnmargen positiv. Mit Blick auf die Aktienmärkte in den Schwellenländern kann weiterhin aufgeatmet werden. Dazu tragen stabile Wachstumsraten auf hohem Niveau in China und Indien auf der einen Seite und auf der anderen Seite Erholungstendenzen in Russland und Brasilien bei. Der brasilianische Leitindex beispielsweise konnte seit Jahresanfang 35 Prozent zulegen, und das trotz politischer Unsicherheiten. Auf dem Rentenmarkt wird in der Regel vor allem Geduld belohnt, zumindest ist das in den Lehrbüchern zur klassischen Wirtschaftstheorie so zu finden. Da aber seit einiger Zeit der Preis des Geldes, sprich die Renditen auf sichere Anlagen, negativ ist, klaffen Theorie und Praxis auseinander. Dadurch wird Geduld, oder anders ausgedrückt, in die Zukunft verlagerter Konsum, derzeit nicht belohnt, sondern im Gegenteil sogar über negative Renditen bestraft. Dagegen können einige europäische Staaten, wie Deutschland, Frankreich und Spanien ihre Staatsanleihen in bestimmten Laufzeiten mit negativen Renditen emittieren und werden somit für die Aufnahme frischen Geldes belohnt. Dem Anleger bleibt deswegen, neben den wenig befriedigenden Optionen des sofortigen Konsums und dem „parken“ auf dem Tagesgeldkonto, nichts anderes übrig, als für einen Teil des Portfolios an der Risikoschraube zu drehen. Dafür bieten sich aus unserer Sicht im Moment vor allem Investments abseits des europäischen Kernmarktes an. Positiv dabei ist, dass sich die globalen Ausfallraten bei Unternehmensanleihen auf historisch niedrigen Niveaus bewegen, wobei hier der Ölsektor ausgeklammert ist. Als Teil eines breit gestreuten Portfolios favorisieren wir deswegen besonders Unternehmensanleihen aus den Schwellenländern.

Autor ist Johannes Flieckenschildt, Weberbank

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