Was können wir von den US-Präsidentschaftswahlen erwarten?

Dr. Andrea Siviero - Foto: Ethenea Independent Investors S.A.

Anderthalb Wochen bleiben uns noch bis zum Wahltag und die US-Wahlen machen derzeit weltweit Schlagzeilen. Dabei geht es um den möglichen Ausgang der Wahl und ihre Auswirkungen sowohl auf die US-Wirtschaft als auch auf die Finanzmärkte. Dr. Andrea Siviero, Investment Strategist bei Ethenea Independent Investors S.A., befasst sich mit einigen der möglichen Szenarien und was diese für Kapitalanlagen bedeuten könnten.

Am 3. November 2020 werden die US-Amerikaner zu den Wahlurnen gebeten, um sowohl ihre Stimme für die US-Präsidentschafts- als auch für die Kongresswahlen abzugeben. Bei letzteren stehen alle Sitze im Repräsentantenhaus zur Wahl sowie etwa ein Drittel der Vertreter im Senat. Auch wenn eine Vorhersage darüber, welche der beiden großen Parteien bei der jeweiligen Wahl die Mehrheit gewinnen wird, zum jetzigen Zeitpunkt schwierig ist, kann man mit Sicherheit sagen, dass wir je nach Kombination der Ergebnisse unterschiedliche Marktreaktionen erwarten können. In der Vergangenheit haben wir gesehen, dass die Wahl eines neuen Präsidenten und ein Regierungswechsel kurzfristig Auswirkungen auf die Märkte haben können, sie aber weder die Funktionsweise noch die Wirtschaftsleistung der USA grundlegend beeinflussen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich viel mehr die Geldpolitik als die wichtigste Triebkraft für die Preisentwicklung US-amerikanischer Anlagenklassen herausgestellt.

Dennoch sehen wir uns vor der Wahl mit einer sehr komplexen Situation konfrontiert. Da sich sehr viele Aspekte auf die Finanzmärkte und die verschiedenen Anlageklassen auswirken könnten, ist es unserer Ansicht nach nicht nur schwierig, sondern auch riskant, eine genaue Prognose abzugeben. Es gibt jedoch mehrere mögliche Szenarien, bei denen eine genauere Betrachtung lohnt:

Das Unsicherheitsszenario

Mittelfristig wird weniger von Bedeutung sein, wer die Wahl tatsächlich gewinnt, als vielmehr mit wie viel Stimmen Vorsprung ein Kandidat die Wahl für sich entscheiden wird. Ein klares Ergebnis und, sofern Biden gewählt wird, ein rascher Regierungswechsel dürften sowohl auf Risikoassets als auch auf die Aktienmärkte eine positive Auswirkung haben. Sollte das Ergebnis nicht eindeutig sein oder die Wahl angefochten werden, würde die Situation jedoch wesentlich komplizierter werden. Es ist allgemein bekannt, dass die Märkte Ungewissheit nicht mögen. Daher dürften sich die Aussicht auf eine Neuauszählung der Stimmen, eine möglicherweise manipulierte Wahl, der Verdacht ausländischer Einmischung oder die Weigerung Trumps, die Wahlergebnisse zu akzeptieren, negativ auf Risikoassets auswirken und Safe Haven-Assets wie US-Staatsanleihen oder Gold zugute kommen. Bidens deutlicher Vorsprung in den Umfragen hat in letzter Zeit dazu beigetragen, Investoren zu beruhigen, dass ein nicht eindeutiges Ergebnis möglicherweise doch ausbleiben wird. Da jedoch die letzten Wahlen ein gewisses Misstrauen gegenüber den Wahlumfragen hervorgerufen haben, sollten wir die Möglichkeit einer Wahlüberraschung nicht gänzlich ausschließen.

Die „blaue Welle“

Die sogenannte „blaue Welle“, also ein eindeutiger Wahlsieg Bidens sowie eine Übernahme der Mehrheit der Sitze im Senat durch die Demokraten und Beibehaltung ihrer Mehrheit im Repräsentantenhaus, erhöht die Chancen, dass ein umfangreiches Konjunkturpaket nach den Wahlen verabschiedet werden würde. Dies hätte positive Auswirkungen auf die Aktienmärkte sowie auf andere Risikoassets wie Unternehmensanleihen und insbesondere Hochzinsanleihen. Damit würden die Aussichten auf ein höheres Haushaltsdefizit und infolgedessen einen Anstieg der Renditen der US-Staatsanleihen einhergehen. Mittelfristig dürfte sich jedoch Bidens Vorhaben, eine Erhöhung der Unternehmenssteuern sowie eine drastische Gesetzgebung und strenge kartellrechtliche Maßnahmen umzusetzen, sowohl auf die Wirtschaft als auch auf die Aktienmärkte negativ auswirken.

Ein Wahlsieg Trumps: Die zwei Seiten einer Medaille 

Andererseits würde ein Sieg von Trump in Kombination mit einem gespaltenen Kongress – dem Status quo und einem politischen Blockadezustand – wahrscheinlich zu geringen Marktreaktionen führen. Es ist jedoch zu erwarten, dass weitere Unsicherheiten über das Ausmaß und den Zeitpunkt zusätzlicher fiskalischer Stimulierungsmaßnahmen kurzfristig negative Auswirkungen auf die Aktienmärkte haben werden. Eine zweite Präsidentschaft Trumps und weitere geplante Steuersenkungen könnten mit der Zeit relativ positiv für die heimische Wirtschaft sein und würden demzufolge die Aktienmärkte unterstützen.

Auf internationaler Ebene wird ein Sieg Trumps jedoch mit ziemlicher Sicherheit zu mehr Handelsstreitigkeiten und einer Eskalation der Handelsstreitigkeiten mit China und der Europäischen Union führen. Dies dürfte sich negativ auf die Weltwirtschaft auswirken und zu weiterer Volatilität an den Märkten führen.

Die Entwicklung des Greenbacks

Eine Prognose für den US-Dollar ist noch weitaus schwieriger. Obwohl der USD während der Präsidentschaft Trumps relativ stark war, ist es schwierig abzuschätzen, welche Auswirkungen die zunehmend konfrontative Haltung des Präsidenten gegenüber den Partnern der USA und China sowie der allmähliche Rückzug der USA aus dem Multilateralismus und ihrer Verantwortlichkeiten im Laufe der Zeit auf den Dollar haben wird.

Darüber hinaus könnten die Coronavirus-Pandemie und die weltweite Politik zur Bewältigung ihrer wirtschaftlichen Auswirkungen durchaus einen größeren Einfluss auf den Wechselkurs haben als der Ausgang der Präsidentenwahl. Die letzten Wochen haben jedoch gezeigt, dass der USD in Zeiten der Krise und Unsicherheit nach wie vor einer der wichtigsten Safe-Haven-Assets ist.

Positionierung der Ethna Funds

Gerade aufgrund dieser vielfältigen Möglichkeiten, wollen wir uns in Bezug auf das Wahlevent unsere Handlungsfähigkeit und Flexibilität beim Management der Ethna Funds erhalten. Für den Ethna-AKTIV heißt das, auch wenn wir aufgrund unserer positiven Erwartung für die nächsten drei Monate von tendenziell höheren Aktienkursen ausgehen, halten wir die Risikoquote des Fonds vorerst im neutralen/leicht positiven Bereich. So können Marktrücksetzer attraktive Einstiegsniveaus bieten und für Käufe genutzt werden. Sollte es nach der Wahl zu keinem Rückgang kommen, sind wir auch gern bereit, in den steigenden Markt zu kaufen. Mit unserer Währungs- sowie Goldallokation fühlen wir uns vor der Wahl gut positioniert und sehen daher von größeren Anpassungen ab.

Der anleihenfokussierte Ethna-DEFENSIV ist konservativ positioniert und verzichtet vor den US Wahlen weiterhin gänzlich auf Aktieninvestments. Das robuste Anleihenportfolio, welches 85 % des Gesamtportfolios ausmacht, fokussiert sich auf sorgfältig ausgesuchte Unternehmensanleihen, sodass wir keine weiteren Anpassungen vor den Wahlen vornehmen und auch in Zukunft stabile positive Erträge erwarten. Gold und die Währungspositionen im Schweizer Franken und Japanischen Yen sollten insbesondere in dem Negativszenario, dass das Wahlergebnis vor Gericht angefochten würde, zur Stabilisierung des Fonds beitragen.

Auf die Allokation des Ethna-DYNAMISCH hat die anstehende US-Präsidentschaftswahl nahezu keinen Einfluss. Wie beschrieben sind die langfristigen Effekte von Wahlen relativ begrenzt, so dass die strategische Asset Allokation des Fonds nicht tangiert wird. Auch in der Selektion der Einzelwerte fokussieren wir uns auf die fundamentalen Trends der zugrundeliegenden Unternehmen und versuchen den Einfluss binärer politischer Entscheidungen generell so klein wie möglich zu halten, so dass kein akuter Anpassungsbedarf besteht. Auf der taktischen Ebene fließt die anstehende Wahl neben vielen anderen Faktoren mit in die kurzfristige Entscheidungsfindung ein, jedoch verzeichnen wir hier bislang wenig Auffälligkeiten, die eine Anpassung der gegenwärtigen Fondspositionierung notwendig machen würden. (ah)