Was ist dran an “Think big”?

Jörg Weitz (li) und Ralf China (re) / Foto: © 3FACH ANDERS / Ralf China

Maßgeblich für unser Glücksempfinden ist die Frage, ob wir das Gefühl haben, über unser Leben selbst bestimmen zu können. Schon der kleinste wahrgenommene Kontrollverlust hat negative Auswirkungen auf unser Glücksempfinden. Ähnlich wie beim Shopping ruft positives Denken und die Visualisierung angestrebter Ergebnisse erst einmal ein gutes Gefühl hervor, aber es gibt Risiken und Nebenwirkungen. Wird das ersehnte Ziel nämlich nicht erreicht, zum Beispiel bei einer Diät oder nach einem Motivationsevent, lässt diese erlebte Erfolglosigkeit die Zuversicht sinken, das eigene Leben steuern zu können. Deshalb hat der achtsame Umgang mit Zielen einen hohen Einfluss auf das persönliche Glücksempfinden. Sie sehen schon: Viele Menschen legen durch gut gemeinte, aber völlig überzogene Vorsätze zu Beginn des neuen Jahres den ersten Stolperstein für ihre jährliche Glücksbilanz.

Eine Ursache dafür liegt unter anderem im Mythos begründet, dass schon das Setzen ehrgeiziger Ziele einen maßgeblichen Einfluss auf den späteren Erfolg haben soll. Deshalb ist es an der Zeit, ein in diesem Zusammenhang stets gern bemühtes Gerücht aus der Welt zu schaffen: Es geht um die sogenannten Yale-Zielstudie von 1953/1973. Immer wieder wird kolportiert, dass ein Forscherteam im Jahr 1953 Studenten im Abschlussjahr befragte, ob sie sich schriftlich Ziele gesetzt hätten, was sie einmal „was sie einmal im Leben erreichen wollen.” Bei der Folgebefragung 20 Jahre später soll sich herausgestellt haben, dass die drei Prozent der Studenten, welche sich schriftliche Ziele gesetzt hatten, ein größeres Vermögen aufgebaut hatten als die anderen 97 Prozent zusammen.

Diese Zielstudie ist eine moderne Sage, eine tolle Geschichte, die nach wie vor gerne und ungeprüft übernommen wird, obwohl die Zeitschrift Fast Company schon im Jahr 1996 herausfand, dass eine solche Untersuchung niemals durchgeführt wurde! Dennoch geistert sie nach mehr als 40 Jahren immer noch als Zombie herum und wird häufig zitiert, wenn es um Ziele und Zielerreichung geht. Nach dem, was wir bisher über unser Gehirn wissen, kann das auch gar nicht stimmen: Unsere Motive wirken implizit  auf der Ebene des Autopiloten. Ziele, zumal schriftlich niedergelegte, wirken dagegen erst einmal nur explizit, also auf der Ebene des Piloten. Falls also die Kurse von Pilot und Autopilot in unterschiedliche Richtungen weisen, wird es heikel. Und leider hat in solchen Fällen meistens der Autopilot das letzte Wort. Deshalb ist es auch so schwer, gegen unsere biologischen Impulse anzukommen. Und daher ist es so wichtig, die eigenen Ziele möglichst gut an die persönlichen Motive anzupassen. Vereinfacht gesagt, besteht der erste wichtige Schritt zu dauerhaftem Erfolg also darin, sich die richtigen Ziele zu setzen – und das sind solche, die möglichst gut mit den impliziten Motiven unseres Autopiloten harmonieren. Auch hier ist die Grundvoraussetzung für realistische Ziele eine gute Selbstkenntnis. Nur wenn Sie wissen, wo Ihre persönlichen Stärken, Schwächen und Begrenzungen liegen, werden Sie sich motivierende Ziele setzen können. Und nur, wenn Sie Ihre Ziele als wirklich erstrebenswert ansehen, werden Sie mit Volldampf an der Zielerreichung arbeiten.

In der Kolumne von Jörg Weitz und Ralf China dreht sich alles um den dauerhaften Erfolg von Beratern und Vermittlern. Dabei bilden die kölnische Frohnatur Jörg Weitz,  selbst jahrelang in der Finanzberatung aktiv und ein echter Menschenflüsterer und der zugezogene Nordhesse Ralf China, der sich eher durch eine protestantische Arbeitsethik auszeichnet und mehrere Jahre als Unternehmensberater aktiv war, ein spannendes Gespann. Im Mittelpunkt stehen hier An- und Einsichten jenseits der gängigen Patentrezepte.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch: „Sei du selbst, sonst geht’s dir dreckig! warum Erfolg nicht mit Patentrezepten, sondern nur individuell machbar ist“ von Ralf China und Juergen Schoemen.