Was ist aus China geworden?

Ich investiere nun schon seit über zehn Jahren an den globalen Märkten, davon knapp sieben Jahre in China. Dennoch verblüfft es mich immer noch – auch dieses Mal -, wie schnell die Finanzmärkte ihren Fokus ändern können.

In den ersten Tagen des neuen Jahres drehte sich alles um die chinesische Währung, die unerwartet an Wert verloren hatte. Blitzschnell verschob sich der Fokus auf die negativen Folgen der niedrigen Ölpreise, dann auf eine amerikanische Rezession und schließlich auf die europäischen Banken. Über China spricht fast niemand mehr. Was ist in China los und wie sieht es mit der berüchtigten Währung aus?

Das Neujahrsfest hat China in den Winterschlaf geschickt
Eine Ursache dafür, dass China nicht mehr im Fokus der Anleger steht, ist ganz einfach die, dass sich China sozusagen in den Winterschlaf verabschiedet hat. Das chinesische Neujahrsfest ist gerade vorbei, aber immer noch steht China mehr oder weniger still. Millionen von Menschen sind zu Hause und feiern fast eine Woche lang Neujahr mit ihrer Familie, darunter auch die vielen Wanderarbeiter, die täglich die Fabriken und Fließbänder des Landes am Laufen halten. Der Stillstand während des Jahreswechsels gehört zur Geschichte – die saisonale Anpassung der Daten im Januar und Februar ist traditionsgemäß schwierig. Das führte bereits vor einigen Jahren zu großer Unsicherheit, da der Markt sein Augenmerk auf die schwachen Daten vom Januar legte, die erst zu einem späteren Zeitpunkt durch die starken Ergebnisse im Februar aufgewogen wurden. In den letzten Jahren hat die Regierung vernünftigerweise darauf verzichtet, den Großteil der Daten für diese beiden Monate einzeln zu veröffentlichen, sondern tut das nun gesammelt im März. Eine Ursache, warum es um China still geworden ist, liegt deshalb ganz einfach darin, dass die Märkte sich momentan in einem Vakuum befinden. Es gibt nur wenige Daten, an denen wir uns orientieren können, und aktuell sind keine Nachrichten fast als gute Nachrichten zu interpretieren.

Die Währung ist stabil – auch in Zukunft
Das große Währungsspektakel in China zu Jahresbeginn war u.E. ein Irrtum. Als sich an den Märkten ernsthaft Panik breitmachte, ruderte die Regierung zum guten alten System zurück, nämlich die Währung gegenüber dem US-Dollar stabil zu halten. Somit blieb sie gegenüber dem US-Dollar vom 11. Januar bis zum 12. Februar fast beständig auf dem gleichen Niveau. Zuletzt ist sie gegenüber dem Dollar wieder gestiegen, sodass sie sich bis dato fast wieder auf Jahresanfangsniveau befindet.

Im Vergleich zum breiten Währungskorb, den die Chinesen letztes Jahr veröffentlichten, ist die chinesische Währung allerdings noch etwas geschwächt. Wenn wir einen Schritt zurückgehen, war das größte Problem jedoch, dass die Märkte nicht genau verstanden haben, was die Chinesen mit ihrer Währung vorhatten. Und hier ist einiges passiert: Der chinesische Notenbankchef Zhou Xiaochuan hielt letztes Wochenende eine lange und detaillierte Pressekonferenz ab – was nicht oft geschieht. Hier antwortete er auf Fragen der chinesischen Pressevertreter und versuchte zu erklären, was die Zentralbank gerne erreichen will.

Die drei wichtigsten Botschaften
Bei uns sind insbesondere drei primäre Botschaften des Notenbankchefs Zhou Xiaochuan in Erinnerung geblieben:

Erstens möchte er keine unnötige Nervosität verursachen. Das bedeutet, dass die Zentralbank die Währung in den Phasen, in denen der Markt übertrieben nervös ist, stabil hält – so wie derzeit der Fall. Und wie wir zuvor schon oft diskutiert haben, hat China mit seinem großen jährlichen Handelsüberschuss von 600 Mrd. USD, Währungsreserven von über 3000 Mrd. USD und einer begrenzten Auslandsverschuldung die Mittel, die man für eine Währungsstabilisierung über einen langen Zeitraum benötige.

Zweitens sei genau dieser große Handelsbilanzüberschuss ein Zeichen dafür, dass die Währung nicht fundamental überbewertet ist. Anders ausgedrückt: China gewinnt auf globaler Ebene immer noch Marktanteile hinzu, was nicht gerade darauf hindeutet, dass die Währung zu teuer ist. Xiaochuan kam zu dem Schluss, dass abgesehen von spekulativen Angriffen und kurzfristigen Kapitalabflüssen keine fundamentale Notwendigkeit besteht, die Währung abzuwerten.

Letztendlich erklärte er, dass sich China langfristig immer noch eine frei schwankende und marktbestimmte Währung wünscht. Man konnte aber gleichzeitig zwischen den Zeilen lesen, dass dieser Prozess nach den Vorstellungen Chinas laufen wird.

Deshalb wertet China seine Währung nicht ab
Die Schlussfolgerung ist klar: China will keine Katastrophenszenarien und Unsicherheit auslösen – der lange Weg hin zu einer flexibleren Währung ist intakt. Auf kurze Sicht erwarten wir weiterhin Stabilität. Langfristig ist das Tempo mit dem die Währung gegenüber dem US-Dollar abwertet davon abhängig, wie schnell und stark die amerikanische Notenbank die Zinsen anhebt.

Unsere Einschätzung bleibt jedoch unverändert: China wertet seine Währung nicht ab, teils weil es dafür fundamental keinen Bedarf gibt, teils weil das das denkbar schlechteste Signal wäre. Falls es doch passiert, wird der Markt nur noch stärker versuchen, die Währung weiter nach unten zu drücken.

Die guten Neuigkeiten hören hier aber noch nicht auf. Wir prognostizieren seit Ende 2015, dass das Wachstum in China in den ersten Monaten im neuen Jahr zurückgehen würde. Auch wenn wir langfristig nach wie vor ein schwächeres strukturelles Wachstum erwarten, gibt es unseres Erachtens nach Lichtblicke.

Chinesische Stabilität ist gut für globale Aktien
Unsere kurzfristige Analyse des chinesischen Wachstumszyklus basiert in hohem Maße auf dem Immobilienmarkt und der Kreditvergabe. Was den Immobilienmarkt betrifft, hat China in den letzten Wochen einige Lockerungen seiner restriktiven Immobilienpolitik angekündigt. So müssen Erstkäufer nur noch 20 Prozent anzahlen und nicht mehr 30 Prozent. Das sollte unserem Erachten nach ausreichen, um die Aktivitäten auf dem Immobilienmarkt bis zum Sommer zu stabilisieren.

Gleichzeit scheint die Kreditvergabe zugenommen zu haben. Es ist bestimmt nicht alles Gold, was glänzt, und langfristig mahnen wir weiterhin zur Vorsicht in Bezug auf China und die Schwellenländer im Allgemeinen, aber auf kurze Sicht wird der Fokus der Regierung auf die Unterstützung des Wachstums funktionieren.

Hinsichtlich der deutlichen Skepsis und Verwirrung rund um China rechnen wir daher damit, dass das Land im Laufe des Frühjahrs zu einer Stabilitätsquelle wird – und das sind gute Nachrichten für globale Aktien, besonders, wenn man an die vielen Weltuntergangsapostel denkt, die einen Währungskollaps, eine Finanzkrise und eine dezidierte Rezession prophezeien. Das ist ein weiterer Grund, warum wir an unserer positiven Einstellung gegenüber Aktien festhalten.

Autor: Bo Bejstrup Christensen,
Chefanalytiker bei Danske Invest